Die Einschaltquote lag bei etwas über 60 Prozent. Das bedeutet in Zahlen ausgedrückt, daß etwa 20 Millionen Menschen allein in der Bundesrepublik, dazu die Zuschauer in sechs weiteren Ländern, den Fernseh-Fußballabend im ersten Programm am Mittwoch vergangener Woche miterlebten. Sogar Inspektor Colombo, der Deutschen liebster Kriminaler, lockt im Augenblick mit seinem naiven Charme nicht mehr Leute vor die Geräte. Wie bei ihm lag die Faszination dieses Abends wohl darin, daß jeder – ob interessierter Fußball-Laie oder engagierter Fan – nachvollziehen konnte, was da vor sich ging, man war dem Täter jederzeit auf der Spur, konnte sich mit Freud und Leid der Spieler identifizieren, und vor allem gab es Spannung bis zum Schluß, weil niemand von uns wußte, wie es ausgehen würde.

Eine Fußballnation war gründlich auf diesen Abend vorbereitet worden. Eintracht Frankfurt in Graz, Bayern München in Lissabon, Borussia Mönchengladbach in Düsseldorf gegen Real Madrid, der HSV in Hamburg gegen die Polen von Stal Mielec garantierten, daß Geld und Gefühl gleichermaßen im Spiel waren. Borussia Mönchengladbach kassierte 1,5 Millionen Mark, der HSV etwa 750 000 Mark. Darin enthalten war die Summe von 200 000 Mark, die Günter Mast, „Mister Jägermeister“, dem HSV zur Verfügung gestellt hatte, damit dieser sein Spiel um drei Stunden vorverlegte und so erst die Übertragung der anderen ermöglichte.

Auch die Spieler sollten partizipieren. Die ausgesetzten Prämien betrugen 15 000 Mark pro Spiel und Spieler in Madrid, 9000 bei Mönchengladbach, 5000 beim HSV, 10 000 bei Bayern München, 6000 bei Eintracht Frankfurt – vorausgesetzt, das Halbfinale wird am 17. März in den Rückspielen erreicht, so daß die Mannschaften damit in ihren Wettbewerben jeweils unter den vier Besten Europas rangieren würden. Die folgenden Einnahmen für den Verein liegen dann wieder mit Sicherheit über der Millionengrenze – Spiel für und mit Millionen.

Erstaunlich unterschiedlich sind dabei die Urteile von Zuschauern im Stadion und vor dem Apparat. Das Tempo der Polen in Hamburg, ihre glänzende Technik – jeder Spieler hatte den Ball in jeder Situation unter Kontrolle – und die disziplinierte Taktik – jeder Spieler widmete sich intensiv bei der Defensive einem ihm vom Trainer zugewiesenen HSV-Spieler und löste sich sofort von ihm, wenn die eigene Offensive begann, waren im Stadion offensichtlich. Fernsehkonsumenten sprachen vom schlechten Spiel des HSV. So, als ob es das gute der Polen nicht gegeben habe.

Das Spiel in Düsseldorf war eine Demonstration für den Fußball anno 1976: eine Mischung aus Athletik, Artistik und Arithmetik. Athleten und Artisten waren die Spieler beider Mannschaften. Die Gladbacher – das war auffällig, wenn sie in Ballbesitz waren – hatten in Ballnähe mindestens drei Spieler, die rannten. Dieses Tempo beeindruckte die Spanier zunächst sehr, weil ihre Spielweise ökonomischer angelegt ist. Sie haben ebenfalls viele Spieler in Ballnähe, aber die im Schrittempo. Den Torerfolg suchen dann Individualisten. Sowohl das Kopfballtor als auch das Ausgleichstor durch Pirri waren Ergebnisse von außergewöhnlichen Einzelleistungen. Gladbachs nachlassendes Tempo begünstigte dann Madrids Taktik.

Die Arithmetik hatte begonnen: Die Spieler spielten auf Zeit, simulierten Verletzungen, nahmen Drohgebärden ein – man rechnete mit Reaktionen. Der Rest war Routine. Bayern München kam insofern den Portugiesen eher spanisch. Die Prognosen für das Halbfinale sind nicht einfach, aber wahrscheinlich:

Der Vorteil, das erste Spiel beim Gegner ungeschoren, das heißt mit einem Unentschieden überstanden zu haben, zumal auswärts erzielte Tore – bei Torgleichheit nach beiden Spielen – doppelt zählen, spricht für das Weiterkommen von Eintracht Frankfurt und Bayern München und das Ausscheiden von Borussia Mönchengladbach und des HSV. Merke aber: Der Fußball ist rund (alte Fußball Weisheit). Jürgen Werner