Von Werner Klose

Die meisten Schüler wünschen sich als idealen den gerechten Lehrer. Das fand schon der Pädagoge Martin Keilhacker heraus, als er erstmals zwischen 1928 und 1932 viele deutsche Schulklassen nach dem idealen Lehrer befragte. Wer freilich danach fragt, muß die Wünsche der Schüler an der Wirklichkeit messen: Gerechtigkeit ist ein Ideal, dem sich der Lehrer nähern sollte; daß er absolut gerecht urteilt, ist ausgeschlossen.

Diese „Not mit den Noten“ hat Günter Trost in der ZEIT-Diskussion zur Zensurenproblematik und Studienberechtigung realistisch dargestellt. Trost geht von Untersuchungen aus, die bezweifeln, daß Noten vergleichbar sind. Demnach wäre jedes Urteil falsch, das diese Vergleichbarkeit voraussetzt – also auch die zentrale Vergabe von Studienplätzen. Dennoch betont Trost, daß sich im Abiturzeugnis die Gerechtigkeit auf einem Umweg bei den meisten Abiturienten wieder einstellt. Das Gesamtbild der Leistung als Ergebnis jahrelanger Beobachtung von Schülern ist noch immer die beste Prognose für den künftigen Studienerfolg und vermutlich auch für den Berufserfolg.

Diese Entlastung darf den einzelnen Lehrer jedoch nicht beruhigen. Er muß jede Hilfe begrüßen, die ihn gerechter zensieren läßt. Daß Lehrer durch Zensuren und Zeugnisse monopolartig Sozial- und Lebenschancen verteilen, trifft sicherlich nicht zu; aber daß sie dabei entscheidend mitwirken, ist nicht zu leugnen, auch wenn sich mancher schlechte Schüler selber zum Erfolg durchboxt und mancher – im Sinne der Schule – gute scheitert.

Wie sich die Problematik von Abitur und Hochschulzugang gewandelt hat, läßt sich konkret an einem „neuen“ Schulfach schildern. Soeben erschien in der lindgrünen Reihe der „Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung“ (Luchterhand Verlag) das letzte und umfangreichste Heft: Gemeinschaftskunde. Diese Hefte wurden von der Kultusministerkonferenz im Februar letzten Jahres beschlossen, und die Minister folgten damit dem Auftrag der Ministerpräsidenten, die Abiturnoten in allen Fächern vergleichbarer und damit gerechter zu machen.

Die Hefte heißen irreführend Normenbücher. Laien und Lehrer könnten meinen, sie hielten mit ihnen die Garantie für genormte Abiturgerechtigkeit in der Hand. Diese bekämen sie jedoch allenfalls (wie Rudolf Walter Leonhardt in dieser Serie zum Numerus clausus und Hochschulzugang feststellte), wenn alle Lehrpläne, alle Lehrverfahren und alle Abituraufgaben in der Bundesrepublik zentral vergeben und computergerecht ausgewertet würden. So weit ist es freilich noch lange nicht. Für die Praxis sehe ich in den Normenbüchern eine konkrete Hilfe für die Lehrer, besser beobachten und prüfen zu lernen. Sie sind bei der Kopplung von Abitur und Hochschulreife entscheidend für die heutige Zulassungsdebatte.

Gemeinschafts- und Gegenwartskunde, Gesellschaftslehre oder wie immer dieses Fach in den Bundesländern heute genannt wird – im Kaiserreich bis 1918 war Politische Bildung die Feier der Geschichte als gottgewollter Bewegung zur Einheit des Reiches unter Preußens Führung. Damals genügte der patriotische Rückblick; die Problematik der Gegenwart stand nicht zur Diskussion. 1911 hieß es in einer preußischen „Bürgerkunde“ für Berufsschüler, es sei „die Ehrfurcht vor der Verfassung und Rechtsordnung zu festigen, die Liebe zu Heimat, Vaterland und Herrscher zu pflegen und Ziele für die freudige Mitarbeit im Staate vor Augen zu stellen“.