Frankfurt/Main

Eine behinderte Rollstuhlfahrerin kommt auf dem Hauptbahnhof an, läßt sich von der Bahnpolizei ein Taxi besorgen und fährt schnurstracks zum Sozialamt. Mit zwei Koffern als persönliche Habe rollte sie ins Dienstzimmer der Sozialarbeiterin. Sie komme aus Heidelberg, sei in Frankfurt beheimatet, habe keine Unterkunft, suche aber eine; ins Heim gehe sie aber auf keinen Fall.

Das Sozialamt aber hat nur einen Heimplatz anzubieten, denn für Rollstuhlfahrer geeignete Wohnungen sind selten. Das Heim liegt irgendwo im Fränkischen, auf dem flachen Land: ein paar Bauernhäuser, keine Verkehrsverbindungen, keine Arbeits- oder Ausbildungsplätze. Da will die Rollstuhlfahrerin partout nicht hin. Nein, erklärt sie, sie übernachte eher hier im Amt. Notfalls solle man sie in einem Hotel unterbringen, das Sozialhilfegesetz erlaube dies, wenn zur Überbrückung keine andere Wahl besteht.

Im Dienstzimmer kommt es zu einem kleinen Menschenauflauf, es geht auf die Mittagspause der Mitarbeiter zu. Man will zum Mittagstisch einerseits, hat keine Unterbringungsmöglichkeiten andererseits. Und dann diese Uneinsichtigkeit! Draußen ist es bitterkalt, nachts friert es, schließlich kann die Rollstuhlfahrerin ja nicht im Freien schlafen. Störrisch bedeutet die Rebellische, notfalls schlafe sie auch im Freien, ins Heim jedenfalls gehe sie nicht, denn das Leben dort kenne sie.

Dies ist ein Punkt, an dem sich sozialbürokratisch ansetzen läßt. Wenn eine hilflose Person sich selber gefährdet, kann sie in die Psychiatrie eingewiesen werden. Also wird die Amtsärztin herbeitelephoniert.

Auf diesen letzten Unterbringungsversuch ist die Rollstuhlfahrerin allerdings präpariert. Im Rollenspiel hat sie vorher die Reaktionsmöglichkeiten eines Sozialamts durchgespielt. Dabei ist die Einweisung in die Psychiatrie als eine zwar absurde, aber bedenkenswerte Reaktion, wenn auch mehr aus Spaß, in Betracht gezogen worden.

Die Behinderte, die sich nicht einfach abschieben lassen will, erklärt, nur in Gegenwart mit der Presse mit der Amtsärztin zu sprechen. Sie möchte die Presse anrufen. Die Sozialarbeiterin, die Minuten vorher noch ihr Telephon angeboten hatte, wenn es nötig sei, kann zu solch unbotmäßigem Tun natürlich nicht ihr Diensttelephon zur Verfügung stellen und verweist die Rollstuhlfahrerin an eine der öffentlichen Telephonzellen, die bekanntlich für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich sind. Die Behinderte bittet Passanten auf der Straße, für sie die Geldmünzen einzuwerfen und die Nummern zu wählen. Eher durch Zufall erreicht sie tatsächlich eine Journalistin, die sofort herbeieilt. Um nicht der Amtsärztin unter die Finger zu kommen und mit Hilfe einer Beruhigungsspritze bereits außer Gefecht zu sein, drückt sich die aufmuckende Behinderte noch eine Zeitlang im Flur herum, ehe sie geholt wird. Die Amtsärztin wartet bereits. Wenn es um Zwangsmaßnahmen geht, geht es eben schnell.