Seit vier Jahren bemüht sich der Hamburger Strafvollzug um die Resozialisierung von Schwerkriminellen. Die Reformer stoßen auf wachsenden Widerstand.

Von Marion Gräfin Dönhoff

Kaiser Wilhelm II. regierte noch Deutschland, als die Strafanstalt Fuhlsbüttel in Hamburg gebaut wurde. Wie alle damals um die Jahrhundertwende entstandenen Baulichkeiten hat auch Fuhlsbüttel den Charakter einer Festung: streng, herrisch, abweisend – auch der etwas unmotivierte pseudogotische Uhrenturm vermag an diesem Eindruck nichts zu ändern.

In dem altmodischen Jahrhundertwerk der Anstalt II versucht der Staat Hamburg seit ein paar Jahren, einen modernen Strafvollzug zu praktizieren. Die Anstalt gilt in dieser Kategorie als die liberalste in der Bundesrepublik. Einige Voraussetzungen dafür sind günstig: Der Justizsenator Ulrich Klug ist ein liberaler Mann von unerschütterlicher Überzeugung und großem Stehvermögen; der Leiter des Strafvollzugs, Arno Weinert, der früher Strafrichter war und am neuen Strafvollzugsgesetz in Bonn mitgewirkt hat, vertritt die gleichen Anschauungen mit Ruhe, Konsequenz und Geduld; und der Leiter der Anstalt, von dem ja der Grad der Glaubwürdigkeit abhängt, mit dem die liberalen Überzeugungen praktiziert werden, Dr. Heinz-Dietrich Stark, ist ein ungewöhnlicher Mann. Er ist der einzige Anstaltsleiter, der nicht Jurist ist, also nicht aus der Verwaltungskarriere kommt. Er ist gelernter Psychologe und war zuvor Leiter des kriminalpsychologischen Dienstes. Stark ist ein überzeugter Vertreter des modernen Strafvollzugs, der durch das Stichwort "Resozialisierung" gekennzeichnet wird.

Dies, wie gesagt, sind günstige Voraussetzungen. Andere, ebenso wichtige, aber fehlen. Es fehlen finanzielle Mittel: Wenn die Praxis des Vollzugs der Theorie entsprechen soll, müßten für die rund 500 Insassen von "Santa Fu", wie die Anstalt im Volksmund heißt, sieben Sozialarbeiter und fünf Psychologen zur Verfügung stehen. Es gibt aber nur drei Sozialarbeiter und zwei Psychologen.

In Bergedorf, nicht weit von Hamburg, unterhält der Staat eine psychotherapeutische Sonderanstalt, in der die Resozialisierung ein gutes Stück weitergetrieben wird. Dort steht eine ausreichende Zahl von Ärzten und Psychologen zur Verfügung, die sich um die besonders schwierigen Fälle, die dort konzentriert sind, kümmern. Bei den Insassen handelt es sich zu einem Drittel um Sexualtäter und zu zwei Dritteln um psychisch Anfällige.

Die Erfolge sind, wenn man die Rückfallquoten vergleicht: 20 Prozent in der Sonderanstalt Bergedorf, im allgemeinen aber durchschnittlich 80 Prozent, erstaunlich groß. Allerdings betragen die Kosten pro Kopf und Tag infolge des großen Personalaufwandes in Bergedorf auch 150 Mark, während der Hafttag in der Anstalt II in Fuhlsbüttel nur 50 Mark kostet. Manche Leute freilich meinen, auch vom finanziellen Standpunkt zahle sich die Resozialisierung aus, weil der Bedarf an Anstaltsplätzen geringer wird, wenn die Rückfallquote drastisch sinkt.