Von Hans-Jochen Martin

Der Autor, Beamter im Bundeswirtschaftsministerium, ist Mitglied der Bonner Delegation für die Seerechtskonferenz der Vereinten Nationen, die am Montag nächster Woche in New York fortgesetzt wird.

Der amerikanische Außenminister Henry Kissinger sprach von „einer der wohl umfassendsten und schwierigsten Verhandlung der Geschichte“ und meinte damit eine diplomatische Mammutveranstaltung, die zumindest in ihren Dimensionen einmalig ist. Dennoch hat ihr die Öffentlichkeit bisher nur wenig Beachtung geschenkt, weil die Materie recht spröde ist. Doch das könnte sich bald ändern, denn gerade für die Bundesrepublik stehen lebenswichtige Interessen auf dem Spiel. Die Bonner Ministerialen sehen dunkle Wolken am Horizont aufziehen, und die Politiker zeigen zunehmend Interesse.

Es geht um die Nutzung der Weltmeere als Verkehrsträger, Rohstoffreservoir und Nahrungslieferent, um die Meeresforschung und den Technologietransfer. Daß das Interesse an dieser Konferenz, zu der 140 Staaten zweitausend Regierungsvertreter entsenden, trotz der Brisanz und Bedeutung der dort diskutierten Fragen so gering ist, verdankt sie nicht zuletzt ihrem nüchternen Titel „Seerechtskonferenz“. Doch dahinter verbirgt sich letztlich nichts anderes als eine diplomatische Materialschlacht um die Freiheit der Weltmeere.

Politik und Wirtschaft schalten sich Zunehmend ein, weil die Erkenntnis zunimmt, daß die Bundesrepublik Deutschland als Schiffahrtsnation – mit 8,5 Millionen Tonnen steht die deutsche Handelsflotte mit ihrer Tragfähigkeit an elfter Stelle in der Welt – und Rohstoffimporteur – etwa neun Prozent der in der Bundesrepublik verarbeiteten Rohstoffe werden importiert – in der Zukunft mehr denn je vom Zugang zu den Weltmeeren und ihren Ressourcen abhängt.

Für die Bundesrepublik wächst die Gefahr, bei dieser Auseinandersetzung zu den Verlierern zu gehören. Denn die traditionelle „Freiheit der Meere“, von dem niederländischen Völkerrechtler Hugo Grotius im 17. Jahrhundert zum Schutze des holländischen Ostindienhandels propagiert, arbeitete bis in die jüngste Vergangenheit auch zugunsten der Deutschen.

Doch die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Taufe gehobenen jungen Staaten in der Dritten Welt, wollen dieses Prinzip heute nicht mehr akzeptieren. „Aus der Freiheit für alle entstünde ein Monopol für wenige“, erklärte der Delegierte Engo aus Kamerun, einer der führenden Vertreter der Entwicklungsländer während der vorhergegangenen Seerechtskonferenz in Genf. Aber auch Staaten wie Kanada, Australien, USA und die UdSSR mit sehr langen Küsten drängen auf Ausdehnung ihrer nationalen Nutzungsrechte, um andere von dem Zugang zu Öl, Gas und Fisch vor ihrem Territorium auszuschließen.