Bonn ist nicht Weimar, und Passau ist nicht Bonn. Daß Landschafts- und Stammesunterschiede in Deutschland noch immer ihr Gewicht besitzen, dafür haben gerade die Bayern ein besonders hoch entwickeltes Sinnesorgan. Andere Landsleute sind sich solcher Naturnotwendigkeiten weniger bewußt, beispielsweise jene Bonner Journalisten, die den Aschermittwoch in der niederbayerischen Dreiflüssestadt Passau verbrachten.

Von der CSU eingeladen, die Pressebataillone am Ort zu verstärken und das Passauer Ereignis des Jahres angemessen zu verbreiten – der CSU braucht niemand zu sagen, daß selbst Franz Josef Strauß nur wirkt, wenn er öffentlich gemacht“ wird –, setzten sich die Journalisten am Vorabend noch mit CSU-Generalsekretär Gerold Tandler zu einer Pressekonferenz nach Bonner Muster zusammen. Nicht einmal die üppige bayerische Brotzeit, mit der sie zuvor im großen Passauer Rathaussaal bewirtet worden waren, zartes Spanferkel inbegriffen, konnte sie davon abhalten, Gerold Tandler kühl bis ans Herz ins pausbäckige Gesicht zu blicken und auf Ehre und Gewissen zu fragen, wie es Franz Josef Strauß mit dem Polen vertrag hält: „Sind Sie auch der Meinung, daß der Polenvertrag nicht an der CSU scheitern darf?“ Gerold Tandler antwortete: „Nein“, manchmal sagte er auch „ja“ – immer an der falschen Stelle.

Die Münchner Journalisten, mit den bayerischen Vertracktheiten bestens vertraut, waren währenddessen vor ihren Maßkrügen und Weingläsern im Ratssaal sitzengeblieben und schüttelten die Köpfe. Sie wären nie auf die Idee gekommen, Gerold Tandler so etwas zu fragen. „Einen Schafsbock kann man doch nicht melken“, sagte einer von ihnen und fügte hinzu, kein anderer als Franz Josef Strauß habe dies als Binsenwahrheit verkündet.

Weil er „so viele Journalisten wie noch nie“ in Passau zählte, war das Angesicht von Oberbürgermeister Emil Brichta ständig von einem Strahlen verklärt. Die Stadtväter der an der Peripherie der Bundesrepublik gelegenen Stadt zwischen Donau, Inn und Ilz sind Franz Josef Strauß auf ewig dankbar, daß er seinen „politischen Aschermittwoch“ vor zwei Jahren vom 23 Kilometer entfernten Vilshofen, wo es ihm und seinen Anhängern zu eng geworden war, nach Passau in die große Nibelungenhalle verlegte.

Passau ist nicht Bonn. Was wäre aus Passau schon zu melden, wenn es den Aschermittwoch nicht gäbe. Daß er offiziell als Arbeitstag gilt, stört nicht. Wer auf sich hält, geht an diesem Tag zu Franz Josef Strauß. Vorher geht er beim Bäcker vorbei, um sich Verpflegung zu holen. Zum erstenmal saßen die Zuhörer in diesem Jahr nicht mehr an langen Tischen, sondern nur in Stuhlreihen. Der Platz wurde gebraucht. Verdursten mußte dennoch niemand, aber das Bier wurde auch nicht mehr in Maßkrügen ausgeschenkt, sondern nur in Pappbechern – aus Sicherheitsgründen. Das war das einzige, was Niederbayern an diesem Aschermittwoch aufregte.

Um neun Uhr war Einlaß in der Nibelungenhalle, um 11 Uhr sollte die Veranstaltung beginnen. Um 9.30 Uhr war die Halle fast voll besetzt. Normalerweise faßt sie 4500 Leute, am Aschermittwoch drängten sich zuguter Letzt 7000. Wer drinnen keinen Platz mehr fand, hockte sich draußen hin – auf den Parkplatz, neben die Würstelbude oder auf die Treppen. „Da soll der Mann nicht durchdrehen“, sagte ein Passauer Schutzmann verständnisvoll, „der braucht sich nur hinzustellen, und die Masse strömt.“

Nach Meinung der Kenner, die Franz Josef Strauß schon bei anderen Aschermittwoch-Reden erlebt haben, ist Passau nicht mehr so schön wie Vilshofen. „Das ist nicht mehr die Provokation als rundes und in sich geschlossenes Kunstwerk“,, formuliert es einer. Aber als der Held des Tages um 11.30 Uhr zu den Klängen des bayerischen Defiliermarsches und dem Jubel der Siebentausend die Bühne erklimmt, langt es immer noch, um die Bundesrepublik zu provozieren.