Von Kurt Sontheimer

In der Bundesrepublik sind wir zur Zeit nach Kräften dabei, an einer bösen Legende zu stricken: an der unter zahlreichen Intellektuellen gehätschelten Auffassung nämlich, wir bewegten uns auf ein System offener oder versteckter Zensur zu, die Meinungsfreiheit sei in diesem Lande nur noch in engen Grenzen gewährleistet, geistige Regungen, die für das Leben einer freien Gesellschaft ganz unverzichtbar wären, würden zusehends unterdrückt.

Der Hamburger Kultussenator Dieter Biallas, der diese Ansicht in der ZEIT vom 20. Anwalt vertrat und sich aus Sorge um die Existenzsicherung aller Schriftsteller zum beredten Anwalt ihrer Interessen machte, blieb uns bemerkenswerterweise jeden triftigen Beleg für seine Hauptthese schuldig; daß nämlich die gegenwärtige Entwicklung auf eine, wenn auch versteckte Unterdrückung und Zensur hinauslaufe. Er nahm die wegen des Kostendrucks vorgenommene Einschränkung von Rundfunkprogrammen, die indes alles andere als dramatische Ausmaße angenommen hat, zum Anlaß, die Gefahr an die Wand Zu malen, große Teile unserer Intelligenz würden "mundtot" gemacht. Er fand kernige linke Thesen über die Untauglichkeit des Marktprinzips für die geistige Produktion und plädierte für eine neue Art von Kulturpolitik, die bewußt (auch) das pflegen und fördern soll, was dem Zeitgeist und der öffentlichen Meinung zuwider ist, auch wenn es in dieser Öffentlichkeit keinerlei Interesse findet. ,,Politisches Handeln", so verlangte er, müsse endlich auch der Publizistik, den Schriftstellern helfen und ihrer Rettung zuliebe das schiefe Marktprinzip gebührend außer Kraft setzen. Das Ganze wurde verbrämt mit der hohen Idee der freiheitlichen Demokratie, mit dem Lob für Einzelgänger, Andersdenkende und Abweichler, mit der These von der Unverzichtbarkeit der Intellektuellen für die freie demokratische Verfassung einer Gesellschaft.

So viele schöne Grundsätze lesen sich für die betroffenen Intellektuellen natürlich prächtig, vor allem dann, wenn ein so gearteter Liberalismus jedes eigene Urteilsvermögen preisgibt und bekennt, wie "quälend und peinlich" es mitunter sein könne, "liberal" handeln zu sollen. Liberal heißt hier offenbar: alles, was die Intellektuellen und Künstler jeweils produzieren, für potentiell förderungswürdig zu halten, auch und gerade, wenn es "beißt" und "ätzt". Auf nichts Geringeres als eine Generalvollmacht für Intellektuelle läuft die herzhafte Parteinahme des Kultussenators hinaus. Die Intellektuellen sollen eine von der Gesellschaft gewährleistete Bestandsgarantie für ihre wirtschaftliche Existenz bekommen – zwar nicht unbedingt alle, die sich dafür halten, aber doch erheblich mehr, als zur Zeit von ihrer schriftstellerischen Produktion auskömmlich leben können. Der staatlich gesicherte Beruf des Schriftstellers oder des Intellektuellen ist damit offiziell anvisiert, noch dazu von einem verantwortlichen Politiker, der kraft seines Amtes eigentlich wissen müßte, auf was er sich da einläßt.

In derselben Nummer der ZEIT besprach der kundige Hermann Kesten eine Lyrik-Anthologie von Wolfgang Weyrauch. Kestens Rezension entnehme ich den Satz: "Es gibt in einer halben Generation keine 123 lyrische Originalgenies. Es ist eine Blütenlese von Manieristen, sie haben links und rechts abgeguckt!" Karl Markus Michel und Axel Rütters, über deren interessante Verlagsneugründung in diesen Tagen viel zu lesen ist, haben ihr Unternehmen unter anderem mit dem Hinweis begründet, daß in den letzten Jahren vieles von der Art Literatur, der sie jetzt eine neue Heimstatt schaffen wollen, zu epigonal und zugleich zu besserwisserisch aufgetreten sei – eine sicherlich treffende Beobachtung zum linken Theorieboom der letzten Jahre.

Soll es auch eine Bestandsgarantie der Gesellschaft für die "Manieristen" und für die zahllosen Um- und Nachschreiber geben, die sich doch allesamt für Intellektuelle halten? Woran erkennen wir, was eine Gesellschaft an geistigem Widerspruch, an Avantgardismus braucht, welche Dosis ist angemessen, wieviel künstlerische Qualität wird verlangt? Bisher hat diese Auslese in der Tat der vielgescholtene Markt besorgt – wenn auch nicht ausschließlich. Der Markt mag insofern ungerecht sein, als der materielle Erfolg auf dem Markt in der Tat nicht der allein gültige Ausweis für die geistige Qualität eines Produkts sein kann, aber ist darum alles, was Intellektuelle und Künstler sich einfallen lassen, so unentbehrlich, daß die Gesellschaft sie aushalten muß, auch wenn sie sich nicht im geringsten dafür interessiert? Nach welchen Kriterien soll denn die Gesellschaft, soll "das politische Handeln" beurteilen, welche vom Markt benachteiligten intellektuellen Tätigkeiten und Hervorbringungen sie unterstützen, welche Schriftsteller und Künstler sie mit einem festen Sold ausstatten soll? Es kann doch wohl nicht angehen, daß einer den Beruf des freien Schriftstellers oder Künstlers ergreift und sich dann wie ein Beamter dafür besolden läßt, egal ob das, was er leistet oder auch nicht leistet, in der Öffentlichkeit Gehör findet oder nicht! Wer sagt uns denn, daß die abweichenden politischen Ideen vernünftiger sind als die geschmähten konformistischen? Wer kann denn von Staats wegen begünstigen wollen, daß über den Staat "Fraktur geredet" wird, wenn dafür nicht einmal eine normale Öffentlichkeit zu finden ist? Was niemanden interessiert, kann auch niemanden beeindrucken.

Es ist ein schlimmer Irrtum, zu meinen, die öffentliche Meinung in einem relativ freien Lande wie der Bundesrepublik sei ein monolithischer Block, sie sei von den herrschenden Mächten in einem rein affirmativen Sinne gelenkt, wo doch selbst noch die abstrusesten Sachen ihr freilich meist kleines Publikum finden. Hatten wir nicht mehrere Jahre hindurch sogar eine Theorieproduktion gegen das Bestehende, die ihren großen