Bonn, im März

Nach einer ganzen Serie von mehr oder weniger prominenten christlichen Demokraten haben nun auch die CDU-Bundestagsabgeordneten Marx und Dregger ihre chinesischen Lehr- und Wandertage absolviert. Nicht ohne Erfolg: Erinnert man sich der zuweilen emphatischen Berichte über die Reisen ihres Vorgängers Franz Josef Strauß im Bayernkurier, so wirkt die Darstellung des Abgeordneten Marx, gemessen an seiner Fähigkeit zu drastischem Ausdruck und zu kräftigem Engagement, wie ein Muster diplomatischer Ausgewogenheit und überlegter Zurückhaltung. Natürlich spricht sich Marx für einen weiteren Ausbau der deutsch-chinesischen Beziehungen aus; das hat noch jeder China-Fahrer der CDU/CSU getan. Aber kein Mitglied der Opposition hat bisher die Grenzen dieser Kooperation so nüchtern geschildert wie er.

ZEIT: Auf der Pressekonferenz nach ihrer China-Reise haben Sie erklärt: „Spekulationen hinsichtlich einer engeren politischen Zusammenarbeit möchte ich nicht folgen.“ Welche Spekulationen hatten Sie da im Auge?

Marx: Es gab eine ganze Reihe Fragen und handfeste Spekulationen, die von der Annahme ausgingen, wir würden jetzt eine deutsch-chinesische Politik mit einer gemeinsamen Stoßrichtung gegen die Sowjetunion führen. Sogar der Begriff „Achse Bonn–Peking“ – übrigens ein Ausdruck von Radio Moskau – wurde verwendet. Ich habe versucht, diese Erwartungen zu dämpfen. Ich gehe davon aus, daß die politischen Ziele der Chinesen auf bestimmten Feldern mit unseren eigenen Interessen in Übereinklang sind, auf anderen Feldern nicht. Die geographische, die strategische Lage Chinas ist ja völlig anders als die der Bundesrepublik Deutschland oder Europas. China ist keine Weltmacht, sondern ein großes Entwicklungsland, das freilich bedeutende, in die Augen springende Fortschritte gemacht hat. Der chinesische Außenhandel, die Angewiesenheit also auf andere Teile der Welt, ist weit geringer als bei der hochindustrialisierten Bundesrepublik Deutschland.

ZEIT: Sie sprachen von einer „Sprödigkeit“ der Chinesen in der Außenhandelspolitik. Was meinen Sie damit?

Marx: Ich meine, daß es von der deutschen Position her viele Möglichkeiten gäbe, in einen breiten Handelsaustausch mit der Volksrepublik China zu treten. Aber ich habe gesehen, daß die Chinesen von manchem einfach überfordert werden. Die Infrastruktur Chinas ist noch nicht weit genug entwickelt. Zum Beispiel gibt es keinen Hafen in China, der einen Dampfer von über 25 000 BRT überhaupt aufnehmen kann; diese Tatsache markiert klar die Grenzen für den Erdölexport. Im übrigen haben die Chinesen ihre Erfahrung, die sie mit dem sowjetischen Wirtschaftspartner gemacht haben, nicht vergessen. Ihre Schlußfolgerung: sich nie wieder in Abhängigkeiten zu begeben, auch nicht gegenüber den westlichen Ländern. Sie zitieren Mao Tse-tungs von allen Hauswänden herunterleuchtenden Satz: „Auf die eigene Kraft vertrauen.“ Sie organisieren ihr Land in einzelne autarke Provinzen – auch für den Kriegsfall: Wenn eine Provinz zerstört ist, müssen die anderen aus sich heraus weiter existieren können.

ZEIT: Das Merkmal einer am Markt orientierten Weltwirtschaft ist nicht Autarkie, sondern gegenseitige Abhängigkeit. Die Furcht vor dieser Abhängigkeit also bezeichnet gegenwärtig die Grenze der chinesischen Beweglichkeit. Ist diese Grenze überwindbar?