Von Ruth Martin

Während in der Welt der Erwachsenen die 40-Stunden-Woche etabliert ist, beträgt die Arbeitszeit eines zehn- bis elfjährigen Schülers durchschnittlich 47 Stunden. Zu diesem Ergebnis kam Professor Dr. Hellbrügge, Leiter des Münchner Kinderzentrums, als er den Zeitaufwand für Unterricht, Schulwege und Hausaufgaben berechnete. Also wird Schulkindern weniger Freizeit zugestanden, als Erwachsene für sich als notwendig erachten. Die Folge davon ist, daß die Symptome der „Managerkrankheit“ in zunehmendem Maß schon bei Jugendlichen anzutreffen sind.

Inzwischen beginnt das Schreckgespenst des Numerus clausus seine Schatten schon bis ins Kinderzimmer zu werfen: Durch eine Untersuchung des Hamburger Sample Instituts wurde ermittelt, daß sich 34 Prozent der befragten Mütter von Fünf- bis Zwölfjährigen über die Verspieltheit ihrer Kinder beklagen. Offensichtlich sind diese Frauen so stark in den Sog des schulischen Leistungsdenkens geraten, daß sie in ihrem Kind nur noch den mehr oder weniger gut funktionierenden Schüler sehen und nicht mehr den heranwachsenden Menschen. Das kindliche Spiel, das als Aktionsform eine wesentliche entwicklungspsychologische Funktion zu erfüllen hat, erscheint ihnen als pure Zeitverschwendung. Die Schulangst mancher Mütter geht so weit, daß sie es nicht wagen, ihren Kindern eine Verschnaufpause zu gönnen.

„Ist es vertretbar, daß Kinder so lange Schulferien haben? Da vergessen sie doch den ganzen Unterrichtsstoff!“ Diese Frage wurde anläßlich einer Fernsehdiskussion von einer besorgten Mutter gestellt. Ein so übersteigertes Pflichtbewußtsein der Schule gegenüber ist bei vielen Müttern anzutreffen. Schließlich haben sie die Erfahrung gemacht, daß sie ständig „am Ball bleiben“ müssen, um nichts zu versäumen. Sie haben gelernt, sich mit ihrem eigenen Terminkalender nach Hausaufgaben und Klassenarbeiten ihrer Sprößlinge zu richten, auf persönliche Hobbys weitgehend zu verzichten – kurz, im Grunde sind sie es, die sich für die Fünf in Mathematik und die Vier in Englisch verantwortlich fühlen. Verständlich also, wenn sie darauf pochen, daß ihr Kind bei der Beschaffung guter Zeugnisnoten nach besten Kräften mithilft.

Übergriff der Schule

Was jedoch unter diesen „besten Kräften“ zu verstehen ist, jene Gratwanderung nämlich zwischen Unter- und Überforderung, kann von den meisten Eltern nur schwer richtig eingeschätzt werden. Dabei herrscht gegenwärtig – hervorgerufen durch die rigorose Auslese an unseren Schulen – eindeutig der Trend vor: lieber zuviel als zuwenig.

Die durch unser einseitig orientiertes Bildungssystem verursachte Perversion des Leistungsbegriffs hat dazu geführt, daß der persönliche Freiraum der Heranwachsenden beschnitten wird und die emotionalen, sozialen und kreativen Bedürfnisse der Schüler ins Hintertreffen geraten Besonders verhängnisvoll wirkt sich dabei aus, daß der Leistungsdruck der Schule vor dem Familienleben nicht haltmacht, sondern durch die Hausaufgabenmisere ins Elternhaus hineingetragen wird. So finden die Schüler nach einem anstrengenden Unterrichtsvormittag in ihrer sogenannten Freizeit zu Hause vielfach keinen Ort der Entspannung, sondern eine Zweigniederlassung des Schulbetriebs vor.