Ein Institut in Darmstadt bietet Interessierten einen Antiquitätenlehrgang an

In den vergangenen Wochen erregte eine halbseitige Anzeige mit der griffigen Überschrift „Antik oder Fälschung?“ die Aufmerksamkeit zahlreicher Leser von Illustrierten und Programmzeitschriften. Darin bot die Studiengemeinschaft Darmstadt, eines der größten Fernlehrinstitute der Bundesrepublik, eine Novität an: einen Fernlehrgang über Antiquitäten, laut Werbung „den ersten schriftlichen Ausbildungskurs mit individueller Betreuung durch einen Antik-Sachverständigen“.

Wer sich von dem laienhaften Begriff „Antik-Sachverständiger“ nicht abschrecken ließ und den Anzeigen-Coupon einschickte, erhielt neben einem Brief des Firmen-Direktors Michael Kamprath („Sehr geehrter Antiquitäten-Liebhaber, eigentlich möchte ich Ihnen am liebsten persönlich die Hand drücken ...“) und einem Gesamtprospekt des Fernlehrinstituts eine aus verschiedenen Teilen des Kurses zusammengestellte Probelektüre.

Der Kursus, so ist dieser aufwendig gestalteten Broschüre zu entnehmen, umfaßt zwölf Themenbereiche: Darunter finden sich klassische Antiquitäten wie Möbel, Porzellan, Silber, Uhren und Gobelins, aber auch andere, wie Gemälde und Bücher, die in Deutschland im allgemeinen nicht unter den Begriff Antiquitäten subsumiert werden. Der Lehrgang dauert 18 Monate und wird zum stolzen Preis von 702 Mark angeboten – einer Summe, für die man eine kleine Bibliothek wichtiger Antiquitäten-Literatur erwerben kann. Den Teilnehmern werden außerdem – bei genügendem Interesse – Kurzseminare von zwei bis drei Tagen offeriert. Kosten: 60 bis 80 Mark.

Mit Erfolgsprognosen knausert die Studiengemeinschaft Darmstadt nicht. Unter dem Stichwort Studienziel heißt es im Gesamtprospekt selbstbewußt: „Nach der Teilnahme an diesem Lehrgang sind Sie Fachmann auf dem Gebiet der Antiquitäten. Sie können Echtes von Falschem unterscheiden und sind genau im Bilde, was sich im Antiquitätenhandel tut.“ Außerdem wird der Kursus als Ratgeber für Investoren und als Ausbildung für künftige Antiquitätenhändler angepriesen: „Dieser Lehrgang vermittelt auch die Kenntnisse, wie man richtig investiert. Nicht zuletzt ist der Lehrgang für (angehende) Antiquare bedeutungsvoll, deren Fachkenntnisse häufig begrenzt sind, bis sie durch das aufregende Geschäft mit Antiquitäten ein wenig dazugelernt haben.“

Aufregend dürfte für viele Interessenten früher oder später vor allem die Erkenntnis sein, daß ihre Lehrmeister nicht einmal Grundbegriffe unterscheiden können, daß sie zum Beispiel Antiquare (Händler mit alten Büchern) mit Antiquitätenhändlern verwechseln, daß sie einen Namen wie den des russischen Juweliers Faberge falsch schreiben, daß sie Zeitbegriffe recht eigenwillig definieren („Möbel und Gemälde dürfen höchstens 140 Jahre jung sein“) und daß sie falsche Vorstellungen über den Antiquitätenmarkt wecken.

Derlei Ungereimtes stammt nicht aus Darmstadt, sondern aus Holland. Die Studiengemeinschaft hat den Lehrgang von einem dortigen Lehrinstitut in Lizenz erworben. Für die Bundesrepublik wurde er lediglich von freien Mitarbeitern übersetzt.