Das dürfte der bedeutendste Durchbruch für Blinde seit der Erfindung der Braille-Punktschrift sein“, erklärt einer, und auch die anderen Teilnehmer dieser Demonstration sind des Lobes voll. Es gilt der Kurzweil Reading Machine, einem Computer, der gedruckten oder mit der Schreibmaschine getippten Text in Sprache umsetzt, Sprache, die aus einem Lautsprecher tönt, einer Maschine also, die regelrecht vorliest

Das Gerät, das der Erfinder, Raymond Kurzweil, im Forschungslabor seiner kleinen Firma in Cambridge (US-Staat Massachusetts) eine: Gruppe von Blinden und Rehabilitationsspezialisten vorführt, ist denkbar einfach zu bedienen Die Buch- und Zeitschriftenseite wird ähnlich wie bei einem Kopiergerät auf eine Glasplatte gelegt; ein Knopfdruck – und wenige Sekunden später beginnt das Vorlesen. Es klingt etwas nasal, und die sorgfältig prononcierten Silben verraten. die maschinell synthetisierte Sprache. „Mein Gott“, bemerkt einer der Zuhörer, „der Apparat spricht genauso wie mein irischer Großvater.“

Anfangs ist die Aussprache des Geräts etwa; schwer zu verstehen. Aber diese Schwierigkeit – so Kurzweil – ist in ein paar Stunden restlos überwunden, „dann können Sie jedes Wort verstehen“. In der Tat: Schon nach weniger als einer Stunde bereitet mir das Zuhören keine Mühe mehr. Einige Worte klingen freilich immer noch recht merkwürdig, doch wenn der Benutzer ein Wort nicht versteht, kann er die Maschine per Knopfdruck veranlassen, es noch einmal, nach Wunsch auch langsamer zu lesen oder es zu buchstabieren, und das beliebig oft. Dafür sorgt ein 300-Wort-Kurzzeitgedächtnis im Computer.

Die Vorteile der Kurzweil-Lesemaschine liegen auf der Hand. Der Blinde ist in seiner Lektüre nicht mehr auf die sehr dürftige Literatur in Brailleschrift oder die wenigen Tonbandbücher und -zeitschriften beschränkt. Er kann jetzt alles lesen, was gedruckt ist, jedes Buch, jede Zeitung oder Zeitschrift und maschinengeschriebene Korrespondenz.

Gegenwärtig sind zwei Lesegeräte für Blinde im Gebrauch. Das „Opticon“ bildet auf einem Tastfeld die von einem Sensor im Text erfaßten Buchstaben in vergrößerter und erhabener, also ertastbarer Form ab. Der „Stereotoner“ setzt die einzelnen Buchstaben in Töne verschiedener Höhe um. Beide Verfahren, wie übrigens auch die Braille-Punktschrift, setzen besondere Fähigkeiten beim „Leser“ voraus. Er muß sensible Fingerkuppen haben, um Strukturen hinreichend genau ertasten zu können oder musikalisch genug sein, um die verschiedenen Töne voneinander zu unterscheiden. In beiden Fällen also hat er ein sensorisches Instrumentarium zu beherrschen, das für die Signal-Identifizierung von Natur aus nicht sonderlich gut geeignet ist. Das erfordert, sofern es jemand überhaupt erlernt hat, erhebliche Konzentration.

Überdies vermag der Benutzer jener Maschinen nur recht langsam zu lesen. Ein sehr guter Braille-Leser bringt es zwar auf ein Lesetempo, das mit dem eines sehenden Lesers vergleichbar ist, aber im Durchschnitt erreichen Blinde, die diese Punktschrift beherrschen, knapp die Hälfte der Geschwindigkeit, mit der ein Text laut vorgelesen wird. Just dieses Tempo aber, 170 Wörter pro Minute, leistet die Kurzweil-Maschine. Wer sich also von ihr vorlesen läßt, kann sich voll und ganz auf den Inhalt des Textes konzentrieren und steht dem sehenden Leser hinsichtlich des Lesetempos nur noch wenig nach. Das von Dr. Kurzweil erfundene Gerät erweitert deshalb die Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten für Blinde beträchtlich.

Die experimentelle Version des Apparates besteht aus drei Geräten. Zwei davon haben die Größe einer Büroschreibmaschine, das dritte, die Kontrollbox, ist ein Kästchen, etwa so groß wie drei aufeinandergelegte Taschenbücher. Auf ihm befinden sich die mit Braillesymbolen versehenen Bedienungsknöpfe. Die Lese-Einheit, auf die der Text gelegt wird, enthält einen vom Computer gesteuerten „Scanner“, der die Druckzeilen erkennt und eine elektronische Kamera in die richtige Position bringt, von der aus sie die einzelnen Zeilen abfährt. Über ein Kabel ist die Kamera mit der elektronischen Kontrolleinheit verbunden, deren Herzstück, der Mikrocomputer, die Buchstaben identifiziert, die Buchstabenfolge analysiert und die jeweils erfaßten Silben in die entsprechende Sequenz von Sprachlauten übersetzt.