ARD, Montag, 8. März: "Loriots sauberer Bildschirm’’, Buch und Regie: Loriot

Man muß viel lachen bei diesen spöttischen Späßen, diesen Satiren, die so satt sind von Komik, daß sie nicht beißen, sondern kitzeln. Nichts ist beflissen tiefsinnig, nichts erst über einen Umweg von intellektuellen Erwägungen als Jux zu erkennen und zu begreifen, es gibt nichts Geheimnisvolles, auch nichts, über das man sich am intensivsten lautlos amüsierte. Man lacht laut.

Man wird sozusagen Zeuge von Angriffen, deren Ziel es ist, zu versöhnen – eine, wie es scheint, Eigentümlichkeit Loriotschen Wesens und gewiß auch die stille Sehnsucht seines Publikums. Der Kakao, durch den er den modernen Menschen und seine modernen Errungenschaften und Einrichtungen zieht, ist süß; er trinkt ihn wohl selber mit Genuß. Während man schon meint, in sich zu gehen angesichts mancher Enthüllungen, weiß man aber auch schon, daß es gar keine sind: Was Loriot uns in seiner neuen Serie von nun an alle halbe Jahre über Radio Bremen senden wird, basiert allein auf guten Beobachtungen: wie der Mensch sich benimmt, sich etwas vormacht, spielt, wie er spricht. Loriot, das hat man schnell spitz, ist ein pfiffiger Karikaturist.

Aber natürlich ist er ja noch vieles andere auch und mit einer atemraubenden Gewandtheit. Er ist zunächst ein imponierender Schauspieler, dem man die Lust anmerkt, sich zu verkleiden, sich zu verstellen und irgendwen auf den Arm zu nehmen. Was seine Wirkung bemerkenswert steigert, ist, daß er oft die Rolle in der Rolle spielt: Er sitzt in seiner grün gepolsterten Biedermeier-Sofaecke und sagt sich als Ansager an, der sich ansagt und dann spielt. Er ist sodann, das kommt hinzu, sein geschickter Textbuchschreiber, und obendrein ist er auch sein (mittelmäßiger) Regisseur, der seine Figuren aus dem Effeff kennt. Loriot ist, gar kein Zweifel, ein Gesamtkunstwerk.

Es versteht sich, daß er sein Publikum zuallererst mit denjenigen Scherzen packt, die jedermann in seinem eigenen Erfahrungsschatz wiedererkennt. So ist es, als fühle man sich immer ein bißchen selber gespielt – manchmal ertappt. Da ist zum Beispiel gleich zu Anfang der bessere Herr, der sich vor dem Start auf dem Flughafen eine Banane kauft und in Ermangelung eines Papierkorbes die seltsamsten Anstrengungen macht, den Rest mitsamt der Schale loszuwerden, der dabei stets beobachtet wird (oder auch nicht) und sich seiner ungezogenen Versuche schämt.

Loriot spießt manches auf: das Urlaubsglück zwischen betonierten Bettenburgen, kontrapunktisch begleitet von den sonoren Beschönigungen der Werber und von touristischen Karikaturen; er persifliert die Kritik an den Gesundungsorgien des krankenversicherten Zeitgenossen, der, um die überfüllten Krankenhäuser zu entlasten, Do-it-yourself-Medizin betreibt; er macht sich lustig über die formelhaft gespreizte Sprache, wie sie beispielsweise in Fernsehdiskussionen (und anderswo) unter Experten gern geübt wird, und über die phantasielose Perfektionsbeflissenheit von Fernsehteams, die die Objekte ihrer Neugier in groteske Verwirrungen stürzen; er vergackeiert die Tagesschau und das lederne Ritual von Tagesschauinterviews mit ihren inhaltsleeren Politikerantworten auf inhaltsleere Reporterfragen.

Es versteht sich, daß der Zeichner Loriot sich öfter bemerkbar macht, am komischsten in den Intermezzi, in denen sich, wie hier, ein seltsames Interview anbahnt und auch wirklich zuträgt: ein schöner, harmloser, nicht ganz bedeutungsloser Quatsch. Man muß viel lachen bei diesen spöttischen Späßen. Manfred Sack