Von Detlef Herrmann

Die deutsch-deutsche Entfremdung ist weit gediehen: In beiden deutschen Staaten haben sich Wissenschaften vom jeweils anderen Teil aufgetan. Verwirrung und Mißverständnisse herrschen quasi symmetrisch auf beiden Seiten. Lediglich die Vorzeichen sind verschieden. Beide Seiten versuchen, Erfahrungen aus dem eigenen System als Deutungsraster für das andere zu benutzen. Das gleicht nur zu oft einem Stochern mit Stangen im Nebel.

Doch es gibt auch Unterschiede: Während die „Imperialismusforschung“ in der DDR straff ideologisiert und konzentriert unmittelbar der SED-Führung zuarbeitet, ist die „DDRologie“ in der Bundesrepublik pluralistisch zerfahren, und produziert vorwiegend Materialien zur „Illustrierung der deutschlandpolitischen Bildung“, wie es jüngst ein Betroffener formulierte. Der Pluralismus der Methoden reicht vom Alt-Antikommunismus über den wertneutralen Ansatz bis hin zu offen marxistischen Analysen.

Das methodische Grundproblem der „DDR-Forschung“ ist der Wertansatz. Die Antikommunisten unter den DDR-Forschern halten das freiheitlich-westliche System der Bundesrepublik für den Maßstab und unterziehen deshalb die DDR einer Totalkritik, die mitunter einen erheblichen Moralanteil enthält. Die Neutralisten unter den DDR-Forschern halten moralische Entrüstung für unwissenschaftlich. Wissenschaftlich ist für sie das Gedruckte, von dem man nüchtern auszugehen habe. Sie suchen deshalb in der DDR-Publizistik nach Widersprüchen zwischen Theorie und Praxis dieser fremdartigen Gesellschaft und enthalten sich jeglichen prinzipiellen Urteils. Die dritte Gruppe schließlich vergleicht die Selbstdarstellung der DDR mit den Äußerungen von Marx, Engels, Lenin und sogar manchmal Stalin und Mao.

Bei den Werken:

Hermann Weber: „Die sozialistische Einheitspartei Deutschlands 1946–1971“; Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1971; 220 S., 10,– DM;

Hermann Weber: „Die SED nach Ulbricht“; Fackelträger-Verlag, Hannover 1974; 135 S., 8,– DM;