Von Lothar Ruehl

Für die Vereinigten Staaten war und bleibt „Détente“ die unausweichliche Folge des Machtgleichgewichts mit der Sowjetunion, des Aufstiegs Rußlands zur Weltmacht und der Unfähigkeit Amerikas, internationale Konflikte durch direkte Interventionen für sich zu entscheiden. Henry Kissinger formulierte diese Erkenntnis zu Beginn der siebziger Jahre in der These, daß Amerika die 1945 gewonnene „strategische Überlegenheit“ verloren, die Sowjetunion hingegen „strategische Parität“ mit den Vereinigten Staaten gewonnen habe. Détente steht in Kissingers Vokabular für die relative Entspannung eines fortbestehenden Konfliktes. Sie ist, wie er oft ausgeführt hat, weder Ziel an sich noch Endzustand, sondern ein dynamischer Prozeß, eine Kombination von Macht und Mäßigung in einem andauernden Interessengegensatz.

1975 erklärte Präsident Ford in Helsinki, daß die „Tatsachen fortdauernder ideologischer Differenzen, politischer Rivalitäten und der Konkurrenz militärischer Macht sich erhalten“ und daß deshalb „der Friede ein Prozeß ist, der Mäßigung auf Gegenseitigkeit und praktische Arrangements nötig macht“. Entspannung müsse „richtig verstanden“ werden: „Entspannung ... setzt die Annahme wechselseitiger Verpflichtungen voraus. Entspannung muß auf einer Zweibahnstraße im Gegenverkehr eintreten; sie kann nicht von einer Seite allein in Gang gesetzt werden.“ Zu diesem Zweck müßten die Konkurrenz militärischer Macht und Rüstung begrenzt, die politische Machtkonkurrenz aber gemäßigt werden.

Dagegen dürften „Krisen nicht zu einseitigem Vorteil manipuliert oder ausgenutzt werden, denn sonst würden sie wieder in Konfrontationen der Macht an der Schwelle zum Kriege führen“. Der „Verhandlungsprozeß“ zwischen den beiden Weltmächten und ihren Verbündeten bleibe die einzige Alternative zur Konfrontation.

Nachdem solche Grundsätze schon zwischen Breschnjew und Nixon im Mai 1972 in Moskau vereinbart worden waren, benutzte Ford die Gelegenheit in Helsinki, die amerikanischen Erwartungen in die Détente noch einmal öffentlich zu bekräftigen. Viele dieser Erwartungen hatten sich noch nicht erfüllt, so daß in Amerika bald die Kritik laut wurde, die Außenpolitik des Landes befinde sich „auf einer Einbahnstraße der Entspannung“.

Kissinger hatte diese Vorwürfe stets zurückgewiesen und nach Alternativen gefragt. Vor Helsinki hatte er seiner Détentepolitik vier Ziele gesetzt:

  • „Das Minimalziel muß die Verminderung der Gefahr eines allgemeinen Atomkrieges sein.“
  • „Das zweite Ziel ist es, den direkten Konflikt in Gebieten von vitaler Bedeutung für beide Mächte, wie Mitteleuropa, abzuschwächen.“
  • „Das dritte Ziel ist es, Bande zu knüpfen, die Anreiz zu Mäßigung bieten.“
  • „Das vierte Ziel ist es, Konflikte in peripheren Gebieten abzuschwächen.“ Der Außenminister gestand ein, daß in diesem vierten Bereich „noch nicht so große Fortschritte gemacht wurden, wie es nötig wäre“.