Von Edmund Gruber

Salisbury, im März

Die Szene im rhodesischen Verteidigungsministerium erinnerte an ein Erlebnis zwei Wochen vorher in Kinshasa. Damals war der Gesprächspartner Holden Roberto, der inzwischen besiegte Chef der angolanischen Befreiungsorganisation FLNA. Er hatte soeben mehrere Seiten Handgeschriebenes in das strikt bewachte Führer-Hauptquartier gereicht bekommen. Sorgfältig breitete er jeden Zettel einzeln vor sich auf seinem Schreibtisch aus. Dann stand er auf und ging zu der vergilbten Angolakarte an der Wand. „Sehen Sie“, sagte er freudestrahlend, „wir erhalten noch immer Funksprüche aus dem Inneren des Landes.“ Zur Bestätigung versuchte er die Orte ausfindig zu machen. „Was funken die Leute?“ – „Sie rufen um Hilfe, sie brauchen Lebensmittel, sie brauchen Waffen“, erklärte er. „Und was tun Sie?“ Er blickte überrascht auf. „Ich weiß nicht“, erwiderte er schlicht.

Pieter van der Byl, der rhodesische Verteidigungsminister, versuchte ebenfalls durch Ablenkungsmanöver überzeugend zu wirken. Er zählte auf, was im Überlebenskampf der Weißen die Trümpfe seiner Regierung seien: In Rhodesien gebe es keine Anzeichen für einen Guerillakampf in den Städten, die Schwarzen seien an ihren Arbeitsplätzen weiterhin fleißig, die schwarzen Soldaten und Polizisten beteiligten sich entlang der Grenze zu Moçambique mit großem Einsatz an der Vernichtung der Guerillas. Der Minister wies darauf hin, daß die südafrikanische Regierung Rhodesien in dreifacher Hinsicht beistehe: Sie sorge für militärischen Nachschub, stütze die rhodesische Währung und verschaffe rhodesischen Waren den Zugang zur Außenwelt. Es fehlte nur, daß er hinzufügte: Stehen wir nicht prächtig da?

Seit der Schließung der Grenze zu Mocambique versucht die Regierung in Salisbury die Lebensgefahr für Rhodesien herunterzuspielen und die Moral der weißen Bevölkerung zu heben. Deshalb behauptete Rhodesiens Handels- und Industrie-Minister Desmond Lardner-Burke auch, die beiden Eisenbahnlinien durch Moçambique zum Indischen Ozean seien für sein Land ohnehin von vermindertem Wert gewesen und die Alternativ-Verbindung durch die Republik Südafrika reiche völlig aus.

Die Wahrheit sieht sich freilich anders an. In den Häfen Beira und Maputo, dem früheren Laurenço Marques, liegen tausende Tonnen rhodesischen Chroms, Kupfers und anderer Mineralien. Die enormen Mengen, die nach Schließung der Grenze von den Behörden in Moçambique beschlagnahmt wurden, geben eine Vorstellung davon, wie extensiv Rhodesien die beiden Bahnlinien durch Moçambique benutzte.

Das demonstrative Selbstvertrauen der Minister in Salisbury hat nur eine Berechtigung: Wenn es allein auf die Effektivität der schwarzen Guerilleros ankäme, würde die weiße Siedler-Regierung weder in einigen Wochen noch in einigen Monaten stürzen. Die reguläre rhodesische Armee hat 4000 Soldaten aufzubieten, etwa 2000 weiße und 2000 schwarze. Selbst dieser relativ kleinen Streitmacht sind die Guerillas weit unterlegen. Sie erhielten erst in den letzten Wochen, nach der Beendigung des Angola-Krieges, den Zulauf von schwarzen Freiheitskämpfern aus Rhodesien, den sie sich seit Jahren erhofften.