Von Dieter Biallas

Falsch verstandener Liberalismus, sagt Kurt Sontheimer. In der Tat: Sontheimer hat meinen Text falsch – oder gar nicht – verstanden. Wenn der Professor sich nicht immer wieder ausdrücklich auf mich bezöge, hätte ich mehrfach meinen mögen, er attackiere jemanden anderen. (Polemik ist eben wohl vielfach Glückssache.)

Ich habe nicht „den staatlich gesicherten Beruf des Schriftstellers oder des Intellektuellen offiziell anvisiert“. Ich habe nicht gefordert, den „Künstler wie einen Beamten (zu) besolden“. Ich habe nicht gesagt, daß „die abweichenden politischen Ideen vernünftiger sind als die geschmähten konformistischen“. Ich halte nicht „die Meinung von Intellektuellen (für) sakrosankt“. Ich habe nicht gewünscht, daß „auch der Unsinn, die Abgeschmacktheit, die intellektuelle Arroganz risikofrei sein sollen und gar noch prämiiert werden“. Nicht einmal Konklusionen dieser Art waren in meinem Artikel angelegt.

Was also soll ich dem beharrlich mißverstehenden Sontheimer entgegnen? Zunächst sollte er wohl meinen Text noch einmal lesen. Sodann aber noch ein paar Anmerkungen. Gegen Sontheimer stehen:

  • die Zahlen des „Autorenreports“, die materielle Lage der Schreibenden betreffend;
  • Rolf Hochhuths Essay über die „abgeschriebenen Schriftsteller“, in dem ein jetzt von einer Wiedergutmachungsrente lebender alter Autor zitiert ist: „Wir würden doch alle längst verhungert sein – hätte nicht Hitler uns verfolgt“;
  • Angelika Mechtels makabre Protokolle „Alte Schriftsteller“;
  • die Tatsache, daß die Sparmaßnahmen der Rundfunkanstalten nicht für sich allein stehen, sondern zugleich auch Verlage mit der berüchtigten „Verschlankung der Programme“ und Teile der Presse, wie zum Beispiel „Die Welt“, mit dem rigorosen Abbau ihrer Feuilletons begonnen haben;
  • die bedauerlichen Verlagsverkäufe, die in den letzten Jahren stattgefunden haben;
  • das wirtschaftliche Vabanque-Spiel, das Verlagsarbeit heute vielfach bedeutet;
  • die Tatsache, daß bestimmte Verlage nur noch existieren, weil Großunternehmen ihre schützende Hand über sie halten – wie lange noch?

Für mich ergibt dies alles ein anderes Bild als das, welches Sontheimer suggeriert. Ich sehe auch dessen Kronzeugen anders.

Hermann Kesten wüßte ich so zu zitieren: „Die Autoren sind eine verlorene Minorität... Anders als Bauern, Arbeiter, Beamte sind sie keine politisch vermögliche Gruppe. Sie sind einzelne, sie werden sozial mißachtet, wirtschaftlich benachteiligt, vom Gesetzgeber, vom Steueramt, von ihren Verlegern, von den politischen Parteien, vom Publikum. Sie sind Außenseiter, und sie sind die ersten Opfer jeder Krise ...“ (Rede zum Büchner-Preis 1974).