So etwas hat es noch nicht gegeben: Das Schwurgericht in Verden an der Aller weigert sich, einen überführten Mörder zu der einzigen vom Gesetz vorgesehenen Strafe zu verurteilen – lebenslangem Freiheitsentzug. Denn es hält diese Strafe für unmenschlich.

Die Richter müssen wohl mit dem Vorwurf rechnen, sie schwämmen auf der „weichen Welle“, obgleich sie nur eine elementare Frage beantwortet wissen wollen: Darf der auf die Menschenwürde verpflichtete Rechtsstaat die Strafvollstreckung an Mördern als reines Instrument der Vergeltung benutzen, mit dem Ziel, die Delinquenten zu zerbrechen?

Daß Haftzeiten von mehr als fünfzehn Jahren aus fast jedem Menschen ein physisches und psychisches Wrack machen, ist inzwischen gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis. Und ebenso gewiß ist, daß Mörder nur sehr selten rückfällig werden. Wenn der Gesetzgeber ihnen mit dem Wort „lebenslänglich“ jede Chance zur Rückkehr bewußt versagt, kann er nur die Rache der Gesellschaft am Täter im Sinn haben.

Ob der solcherart als Rechtsgebot verbrämte Urinstinkt noch vor der Verfassung bestehen kann, läßt sich mit Fug bezweifeln. Das Bundesverfassungsgericht, dem der Fall aus Verden jetzt vorliegt, wird darauf eine Antwort finden müssen. Es darf sie sich nicht deshalb leichter machen, weil auch Mördern die vage Hoffnung winkt, irgendwann einmal begnadigt zu werden.

H. Sch.