Der Gegensatz hätte nicht krasser sein können: In Bonn versprach in der vorigen Woche der starke Mann Spaniens, Innenminister Fraga Iribarne, zügige Liberalisierung, damit sein Land so rasch wie möglich der Europäischen Gemeinschaft beitreten kann. Kaum in Madrid zurück, mußte er sofort in den baskischen Norden reisen, wo Hunderttausende in einem Generalstreik gegen das brutale Vorgehen der Polizei protestierten, die vier Demonstranten erschossen hat. Hoffnung und Wirklichkeit sind in Spanien weniger denn je auf einen Nenner zu bringen.

Fraga versteht sich selbst als Reformer, als Mann der vernünftigen Mitte, der eine „Entwicklung in der Kontinuität“ gegen Reaktionäre und Revolutionäre durchsetzen will. Bisher hat er sich freilich auf Versprechungen und kosmetische Korrekturen beschränkt. Immer mehr Spanier beginnen zu glauben, daß der Fortschritt nicht am Widerstand der rechten Ultras in Kronrat und Ständeparlament, sondern am mangelnden Willen der Minister scheitert. Die Toten im Baskenland geben den Skeptikern recht.

Die neue Regierung, gebildet aus ehemaligen Größen des alten Regimes, hat von Anbeginn unter einem Mangel an Glaubwürdigkeit gelitten. Nicht ein einziges Mal hat sie versucht, dieses Defizit auszugleichen und sich der Unterstützung der unzufriedenen Mehrheit zu versichern, die doch auch Reformen ohne revolutionären Umbruch wünscht. Im Gegenteil: Bei Unruhen siegte noch immer die franquistische Ordnungsräson – notfalls mit Gummiknüppeln und Maschinenpistolen.

Noch streiken die ungeduldigen Spanier für höheren Lohn und gegen Polizeiwillkür. Aber von hier bis zum politischen Streik – gegen diese Regierung und für den revolutionären Umbruch – ist es nicht mehr weit. Mit jedem Tag, den sie länger zögern, verbauen sich Fragas Leute, was sie sich als Ziel gesetzt haben: eine geordnete Liberalisierung. Die Zweifel wachsen, ob sie es können und wirklich wollen. H. B.