Zeitliches aus Berlin

Wo die Havel, vom Norden her nach Berlin fließend, auch auf dem westlichen Ufer West-Berliner Gebiet erreicht, sieht der Binnenschiffer statt einer Lorelei das ernüchternde Ausrufungszeichen eines mächtigen Schornsteins über die dichten Kiefern ragen. Aus dem viele Hektar großen Spandauer Stadtforst, in dem sich Wildschweine und Grenzposten guten Morgen sagen, wurde schon vor Jahrzehnten ein mächtiges Uferstück für das Kraftwerk Oberhavel herausgeschnitten. Es ist eines von bisher sieben Kraftwerken innerhalb der Stadt. Zwei weitere sind noch im Bau. Die Millionenstadt brauchte immer Energie.

Die Villen und Laubenkolonien auf dem gegenüberliegenden Havelufer und der Stichkanal südlich des Kraftwerks mit den wie in Finnland auf dem Wasser treibenden Baustämmen für ein benachbartes Sägewerk runden das Bild. Hier sind Arbeitsschweiß und Waldeslust, Zupacken und Ausspannen miteinander schon landschaftlich verzahnt.

So war das in guten Zeiten dort gewachsen und gewollt, als man es mit dem Umweltschutz überhaupt noch nicht so genau nahm. Doch nun sollen neben dem vergleichsweise bescheidenen Wahrzeichen industrieller und versorgungstechnischer Bemühung ein paar Schlote aus den Wäldern in den Himmel wachsen, die mit 133 Metern dem just 50 Jahre alt gewordenen Funkturm nur um 17 Meter nachstehen. Dabei müßten sie wegen der besseren Verteilung des Schwefeldioxyds noch weit höher werden, wenn das nicht die Luftsicherheit verböte. Denn über dem Fluß an einem anderen der Berliner Wälder liegt der Flugplatz Tegel.

Diese Schornsteine und die dazugehörigen Kühltürme benötigt ein geplanter größerer Bruder des alten Kraftwerks Oberhavel. Der erste von insgesamt vier Blöcken mit einer Leistung von 1200 Megawatt müßte 1980 Strom ins Netz geben. Welches Superding da am Havelufer geplant ist, wird deutlich, wenn man der angegebenen Leistung die gegenwärtige Gesamtkapazität der Berliner Elektrizitätswerke mit 1770 Megawatt gegenüberstellt.

West-Berlin versorgt sich – auch darin ein Unikum unter den Städten der Welt – schon seit der Blockade allein mit Sekundärenergie, wenn auch Kohle und Öl herangeschafft werden müssen. Der erste Generator für ein nach Ernst Reuter benanntes Großkraftwerk an der Spree in Charlottenburg wurde über die Luftbrücke eingeflogen. Bald konnten damals die Stromsperren aufgehoben werden. Inzwischen wird den Berlinern Ost-Strom im Verbund angeboten, der aber auch wieder abgeschaltet werden kann. So sagen nicht nur die Fachleute: Nee, unsern Saft machen wir besser alleene!

Natürlich war nicht vorauszusehen, daß im Weltmaßstab der Industrieländer der Energiebedarf alle zehn Jahre verdoppelt wurde. Zwar ist die Kurve der Zunahme etwas flacher geworden, doch die Zahlen reden deutlich: 1950 wurden in West-Berlin 425 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt, 1975 knapp 6,8 Milliarden; jawohl, fast das Achtzehnfache. Daher nun auch das Mammutkraftwerk im Walde. Denn ein anderer Standort ließ sich in den doch recht ausgeknautschten 480 km2 der Weststadt nicht finden.