Im Kampf gegen die Trunksucht haben US-Unternehmensberater eine neue Strategie

Einmal habe ich drei Monate keinen Tropfen angerührt. Ich glaubte, über den Berg zu sein“, erinnert sich Peter Sutherland aus New York. „Dann mußte ich geschäftlich nach Europa. An Bord bestellte ich einen Brandy. Irgendwie endete die Reise dann in Stuttgart. Dabei war ich in New York in eine Maschine nach Kopenhagen gestiegen.“

Nach eineinhalb Jahren verzweifelten Kampfes gegen den Alkohol hatte es Peter Sutherland geschafft. Als Trinker eigentlich bereits am Ende seiner Karriere, betreibt er heute, nüchtern, mit zwei Partnern erfolgreich die Sandin-Murray-Sutherland Inc., eine Unternehmensberatung, die US-Konzernen Programme zur Bekämpfung der Trunksucht am Arbeitsplatz verkauft.

Die Nachfrage nach den Anti-Alkohol-Programmen Sutherlands, der unter anderem die Brokerfirma Merrill, Lynch, Pierce, Fenrer & Smith und den Versicherungskonzern Marsh & McLennan berät, wächst und wächst. Dein der Alkoholkonsum in amerikanischen Betrieben und die durch ihn verursachten Schäden haben längst schon ein beängstigendes Ausmaß erreicht.

Sechs Prozent aller Beschäftigten in den USA sind dem Alkohol verfallen. Jeder Trinker fehlt öfter, verschwendet mehr Material und arbeitet unwirtschaftlicher als seine nüchternen Kollegen. Er belastet seinen Arbeitgeber dadurch mit Kosten, die nach vorsichtiger Schätzung des National Council on Alcoholism ein Viertel seines Lohns ausmachen. Die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Trunksucht wurden von der amerikanischen Regierung auf 60 Milliarden Mark jährlich beziffert. Das entspricht dem Weltumsatz der drei größten deutschen Chemiekonzerne BASF, Hoechst und Bayer im Jahr 1974.

Im Kampf gegen den Alkoholismus am Arbeitsplatz haben sich die herkömmlichen Methoden als wenig wirksam erwiesen. Sie beschränkten sich meistens auf ein passives Abwarten. Dei Manager, der schon morgens nach der Flasche griff, um für den Tagesstreß gewappnet zu sein, wurde hin und wieder zur Selbstkontrolle ermahnt. Solange er nicht mit alkoholgeschwängertem Atem, blutunterlaufenen Augen, zitternden Händen und Gedächtnisstörungen auch für seine Mitarbeiter zu einer Belastung wurde, sahen die Werksärzte keinen Anlaß, dem Trinker eine wirksame Therapie zu verordnen.

Sutherland und andere Unternehmensberater, die in das profitable Anti-Alkohol-Geschäft. einstiegen, entwickelten dagegen eine Strategie, die den Suchtgefährdeten schon lange vor dem Zeitpunkt aufspürt, zu dem er körperlich und psychisch so weit geschädigt ist, daß er seinen Job verliert. Sie konzentrierten sich darauf, die Anfangssymptome zu erkennen. Typische Fragen sind zum Beispiel: Haben Sie schon jemals eine Flasche im Schreibtisch versteckt? Sichern Sie sich immer Ihren Anteil, wenn jemand einen ausgibt? Haben Sie schon mal versucht, Ihre Trinkgewohnheiten zu ändern, indem Sie von harten Sachen zu Wein oder Bier überwechselten? Ein Ja auf die letzte Frage wertet Sutherland bereits als Hinweis, daß der Trinker beginnt, sein Problem zu erkennen.