Von Brigitte Zander

Am Fenster malt ein kleiner Blonder versunken den Tisch grün; in der Zimmerecke prügeln sich drei Mädchen um ein Schaukelpferdchen; vor der Tür spielen zwei pummlige Buben auf Stühlen Eisenbahn; und im Nachbarraum – mit gutem Überblick über das lärmende Geschehen – brütet der halbnackte Klaus auf seinem Töpfchen. Im solide eingerichteten Hauptquartier der Neukirchner Skischule, ein paar Schritte von der Talstation des Doppelsessellifts entfernt, werden die jüngsten Gäste des Feriendorfes sechs Tage in der Woche von morgens halbzehn bis nachmittags um vier Uhr betreut. Diesem Kindergarten verdankt der bescheidene Urlaubsort im Oberpinzgau die meisten Lobeshymnen seiner Winterbesucher; denn im Gegensatz zu vielen anderen Ferienhorten für den Nachwuchs dürfen erholungsbedürftige Eltern hier schon Zwei- und Dreijährige abliefern.

Verdruß bereitet dagegen den skifahrenden Touristen die Ski paß-Politik im Tal zwischen den Hohen Tauern, den Zillertaler und den Kitzbüheler Alpen. Bis heute konnten sich die verschiedenen Liftgesellschaften und Privatbesitzer der Aufstiegshilfen auf der Gerlosplatte, am Wildkogel und auf dem Pistengelände von Königsleiten nicht auf eine Gesamtkarte für das ganze Feriengebiet einigen. Der erste kleine Fortschritt wird in diesem Winter von den Wildkogelbahnen Neukirchens vermeldet: Nachdem in der vergangenen Hauptsaison ausschließlich Tagespässe ausgegeben wurden – ein Anlaß für ständige Beschwerden –, gibt es jetzt endlich geldsparende Wochenausweise.

Passionierte Skifahrer mit großer Alpenerfahrung qualifizieren das örtliche Sportterrain gelegentlich als zu simpel. Zugegeben, atemberaubende Steilhänge und berüchtigte Korkenzieher-Eisabfahrten finden sich unter den breit gewalzten Wedelwegen nicht. Das Aufregendste an dem bis zu 2000 Meter hohen Skigelände ist das Ende der Abfahrt, eine Waldstrecke zum Tal hinunter, die man besonders an schneearmen Tagen besser mit dem Sessellift von der Bergeralm überwindet. Aber auch für Experten mit gut trainierten Parallelschwung-Fähigkeiten plant der Skischulleiter Peter Herzog, der von Neukirchner Werbeblättern gern als „Sonnyboy“ tituliert wird, angemessene Freizeitgestaltung. Erstmals in diesem Winter will er Skifahrer gruppenweise mit Schneekatzen auf die bislang noch unberührten Gipfel des Steinkogels, Frühmessers und Wildkogels schleppen lassen, von wo aus sie dann auf weiten Umwegen durch den Tiefschnee hinunterfahren können. Für große Asse sind sogar Tagesausflüge auf Dreitausender vorbereitet. Silber- und Goldpokale winken den Gästen, die sich abseits von den überfüllten Pisten in diesem ungewohnten Schneevergnügen erfolgreich schlagen. Noch mehr als solche Ehrengefäße dürfte die Versicherung locken, daß man beim Aufstieg zur Tiefschneefahrt garantiert nicht mehr als 15 bis 30 Minuten klettern muß.

Das neue Projekt ist Ersatz für ein seinerzeit groß angekündigtes Hubschrauber-Unternehmen, das der Fremdenverkehrsverein der 2000-Seelen-Gemeinde im Oberpinzgau unter dem Protest des Naturschutzes in der vergangenen Saison versuchsweise startete. Für 110 Mark pro Person wurden Skifahrer auf den Großvenediger geflogen und anschließend an allen Gletscherspalten und Abgründen vorbei wieder in die Tiefe geführt. Drei Tage lief die Sache, dann kam das Flugverbot. Die Naturliebhaber, die um die letzten noch unerschlossenen Berge fürchteten, setzten den Boykott der ständig ausgebuchten Flugkette auf den zweithöchsten österreichischen Gipfel durch. Sie wurden sogar handgreiflich: Eine kleine Gruppe baute auf dem Venediger meterhohe Schneemauern, um die Landung der Hubschraubertruppe zu verhindern.

Die Initiatoren zogen sich beleidigt zurück, trösten sich aber noch heute mit der dunklen Prophezeiung, daß die Fremdenverkehrsleute der Bergrückseite, die Osttiroler, sowieso den Großvenediger demnächst mit einer Seilbahn erschließen würden.

Landschaftsschutz kontra Tourismus