Wie es denn so viele Behörden gibt, existiert auch eine, die mit internationaler Wirkung Radrennen organisiert. Sie erhielt die Beschwerde, daß bei einem solchen Wettkampf belgische Radfahrer sich niederländischer Schrittmacher bedient hätten. Diese Mitteilung wollen wir an den Anfang unserer Betrachtung setzen, denn sie eröffnet so manche schöne Perspektive.

Wir sehen Belgier und Niederländer gemeinsam im Dienste des Sports, der bekanntlich völkerverbindend ist. Doch verband er in diesem Falle nur Nachbarländer. Sportsleute anderer Nationen müssen sich geärgert haben, denn sonst hätten sie sich nicht beschwert. Die Beschwerde geht aber offensichtlich darauf zurück, daß der Sport nicht nur völkerverbindend, sondern auch völkertrennend ist.

Dort, wo der Sport die Völker trennt, hat er immerhin die Fähigkeit, die Angehörigen eines Volkes zu verbinden, und zwar auf jener höheren Ebene, auf der sie sich ihrer Kraft bewußt werden. Hier ist an ein Wort von Bismarck zu denken, das er eigenhändig für „Cöllns Austernstuben“ in Hamburg niederschrieb. Es hängt dortselbst auch an der Wand: „Wenn der Deutsche sich seiner Kraft so recht bewußt werden will, muß er erst eine halbe Flasche Wein im Leibe haben, am besten noch eine ganze.“

Also lasset uns sagen: Wenn ein Volk sich seiner Kraft recht bewußt werden will, muß seine Fußballmannschaft die erste Halbzeit gewonnen haben, am besten auch noch die zweite! Dieses schöne Kraftgefühl wird den Hamburgern zuteil, wenn ihre Mannschaft gegen die Kölner gesiegt hat. Und umgekehrt. Und so die ganze Bundesliga kreuz und quer und hinauf und hinunter. Die Städte samt ihren Bürgern sind wieder wer, vorausgesetzt, daß ihr Klub gut abgeschnitten hat. Dies trifft bei internationalen Spielen dann auch für ganze Länder und ihre Einwohner zu. Aber dieser schönen Regelung droht Gefahr.

Bleiben wir zunächst auf lokaler Ebene! Es ist einerseits schön, wenn beispielsweise der Kölner Jupp Capellmann bei den „Bayern“ in München spielt. Doch andererseits wäre es noch schöner, wenn dieser Jupp nicht aus dem Rheinland, sondern als ein Sepp aus Bayern käme. Die Siege der „Bayern“ wären für kraftbewußte Münchner erst wirklich rein und ungetrübt, wenn in den zweiundzwanzig Beinen auf dem Spielfeld kein einziger Tropfen außerbayerischen Blutes pulste. Ähnliches gilt natürlich auch für die Bürger, anderer Städte, die einen prominenten Fußball-Klub ihr eigen nennen.

Aber wie ist die Wirklichkeit? Durch Einkauf und durch Verkauf, kurz: durch eifrigen Handel und Wandel wechseln die Spider so häufig, daß Fremdkörper heute in jeder besseren Mannschaft zu finden sind. Zwar versucht nun, das Manko zu verschweigen ocer aus dem Bewußtsein zu manipulieren. Aber einmal ist Schluß! Einmal hat alles seine Grenze! Oder sollte es so weit kommen können, daß „Hertha“ nur noch aus gekauften oder eingetauschten Schalkenullvierern besteht, so daß, siegen die Berliner, immer nur die Nullvierer gewonnen haben? Oder noch schlimmer: Kann es so weit kommen, daß die deutsche Nationalmannschaft ausschließlich aus Engländern, Franzosen, Iren, Dänen, Italienern, Beneluxern bestünde?

Ja, es kann so weit kommen!

Es hat in Paris eine Diskussion stattgefunden, die wohl nur eine Fortsetzung von Debatten in Brüssel war. Danach sind die Verträge von Rom mit ihrem Passus über die Freizügigkeit der Berufstätigen innerhalb der Länder der Europäischen Gemeinschaft auch auf die Profis des Sports anzuwenden. Alle Konsequenzen bedenkend, sehen wir den Tag voraus, da in Europa Fußball- und andere Sportkämpfe nur noch um des Sports willen oder zum puren und privaten Vergnügen der Zuschauer stattfinden. Woran soll sich dann aber unser Lokal- oder Nationalstolz klammern? Woher ziehen wir Deutsche dann noch das Bewußtsein unserer Kraft? Wehe! Auf Bismarcks Flasche können wir nicht mehr rechnen, denn der Mann hat, so groß er war, die Promille-Gesetze nicht vorausgesehen. So bleibt uns höchstens noch die halbe!