Spanien erlebt die größten Unruhen seit Francos Tod: Generalstreik im Baskenland, Sympathiestreiks in allen Landesteilen, Zusammenstöße mit der Polizei, die in den vergangenen vierzehn Tagen sieben Todesopfer und über 180 Verletzte forderten; über 100 Menschen wurden verhaftet, Journalisten mißhandelt, Universitäten geschlossen.

Die Auseinandersetzungen begannen Mitte voriger Woche in der baskischen Stadt Vitoria. Dort streikten seit acht Wochen mehrere tausend Arbeiter aus Protest gegen die Entlassung mehrerer Kollegen, denen nach ihrer Meinung aus politischen Gründen gekündigt worden war. Diesen Sympathiestreiks hatten sich immer mehr Angestellte und Arbeiter angeschlossen.

Am Ende eines „Kampftages“ mit Massendemonstrationen – es ging um die Lohnforderungen von Lastwagenfahrern – griff die Polizei ein. Die Arbeiter errichteten Barrikaden und bewarfen die Ordnungshüter mit Flaschen und Steinen. Zwischen 5000 und 6000 Demonstranten flüchteten sich in eine Kirche. Die Polizei brach die Oberlichter der Kirche auf und warf Rauchbomben in die Menge, die von Panik erfaßt wurde. Die aus der Kirche stürzenden Menschen stießen mit der Polizei zusammen, die nach ihren Aussagen scharf schießen mußte, um sich zu wehren. Drei Menschen starben, 120 wurden verletzt.

Die Beerdigung der Opfer am vergangenen Freitag war das Startsignal für neue Unruhen, die über das Wochenende zwei Menschen das Leben kostete. Die Bevölkerung in Vitoria empfing die beiden angereisten Minister (für Inneres und für Gewerkschaftsvesen) mit Pfiffen und Beschimpfungen. Die Priester, empört über die Schändung der Kirche, ergriffen Partei für die Streikenden.

Die Unruhen erschüttern Spanien in einer gefährlichen wirtschaftlichen und innenpolitischen Situation. Die landesweit geforderten Lohnerhöhungen (bis zu 46 Prozent) übersteigen die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, die sich in einer schweren Rezession befindet. Auf der anderen Seite sind die verbotenen Gewerkschaftsorganisationen nicht bereit, dies Argument zu akzeptieren. Das Wort des Wirtschaftsministers, die Spanier verbrauchten einfach zu viel, hat sie empört.

Am Montag dieser Woche begann in Manzanares, 30 Kilometer vor Madrid, der Prozeß gegen neun spanische Offiziere. Sie werden beschuldigt, der „Demokratischen Militärunion“ (UMD) anzugehören, die sich zum Ziel gesetzt hat, einen Putsch der rechtsradikalen Generalität zu verhindern, und freie Wahlen sowie eine demokratische Verfassung fordert (gegen einen nach Frankreich geflüchteten Offizier wird in Abwesenheit verhandelt). Nur zwei Angeklagte haben eine Verbindung zur UMD zugegeben. Acht Beschuldigte verweigerten die Aussagen, weil das Militärgericht ihren Antrag auf zivile Verteidiger abgelehnt hatte. Der Ankläger beantragt Gefängnisstrafen bis zu zwölf Jahren.

Der Prozeß ist für die Regierung in mehr als einer Beziehung heikel. Zwar haben die Offiziere – wenn die Anklage zutrifft – gegen das Verbot politischer Betätigung in den Streitkräften verstoßen; aber die Ziele der UMD entsprechen der offiziellen Linie der jetzigen Regierung. Außerdem weiß die UMD mehrere tausend Offiziere auf ihrer Seite, wenn sie sich gegen die „Vernachlässigung der Streitkräfte“ wendet.