Von Hans-Hagen Bremer

Trotz aller gegenteiligen Voraussagen haben die Landwirtschaftsminister der Europäischen Gemeinschaft auch diesmal wieder das Kunststück fertiggebracht, sich über die Höhe der gemeinsamen Agrarpreise für das nächste Erntejahr zu einigen. Doch über den Erfolg, der ohne dramatische Verhandlungskrisen und die sonst übliche Marathonsitzung am Ende zustande kam, wollte bei den Beteiligten keine rechte Freude aufkommen. In ausgesprochen mieser Stimmung gingen die Neun am vergangenen Samstagmorgen auseinander.

Den Anlaß für die Verärgerung lieferte Italiens Giovanni Marcora. Er hatte im letzten Augenblick, als seine Kollegen sich schon für die Annahme des von der EG-Kommission in der Schlußphase vorgelegten Kompromißpakets ausgesprochen hatten, Vorbehalte angemeldet. Völlig verdutzt standen die Acht vor neuen kostspieligen Forderungen für die italienischen Bauern.

Altgediente Funktionäre der Gemeinschaft können sich nicht daran erinnern, daß ein Mitgliedsland die Partner je auf so plumpe Weise um Geld angegangen wäre. Andererseits hat man sich in der Gemeinschaft schon längst daran gewöhnt, daß Italien Beschlüssen nur zustimmt, wenn es auf anderen Gebieten Kompensationen bekommt. Rom fühlt sich in der Agrarpolitik gegenüber den Partnern benachteiligt. Seit Jahren verlangt es eine Verbesserung des Schutzes für die typisch südlichen Produkte, für die die Gemeinschaft weniger rigorose Marktordnungen ersonnen hat als für die Erzeugnisse aus den nördlichen Anbaugebieten.

Nicht allein das Vorgehen des Italieners hat zur Mißstimmung beigetragen. Alle Neun finden es zunehmend mühsamer, einen Ausgleich zu finden zwischen denen, die die Explosion der Kosten des gemeinsamen Agrarmarktes eindämmen wollen, und jenen, die die Landwirte nicht für die Unzulänglichkeit der Wirtschafts- und Währungspolitik büßen lassen wollen.

Der gemeinsame Agrarmarkt ist längst zur Farce geworden. Statt sich einander anzunähern, entwickeln sich Europas Volkswirtschaften immer weiter auseinander. Unterschiedliche Inflationsraten, Kosten und Erträge und nicht zuletzt die Währungsveränderungen haben die Basis für einheitliche Agrarpreise vom Skagerrak bis Sizilien zerstört. Das grüne Europa gleicht einem bunten Flick-Teppich. Er ist die Folge überzogener Ansprüche, die im vorgeblichen Interesse des Nährstandes in Brüssel durchgeboxt wurden. So geschah es auch diesmal wieder. Die Maßnahmen, mit denen der Milchpulverberg der Gemeinschaft abgetragen werden soll, sind in ihrer Fragwürdigkeit kaum noch zu übertreffen.

Auf die stattliche Höhe von 1,15 Millionen Tonnen sind die Bestände an dem unverkäuflichen Pulver inzwischen angewachsen. Jede Woche kommen rund 12 000 Tonnen hinzu. Mehr als sieben Milliarden Mark sind im Gemeinschaftshaushalt zur Stützung des Milchmarktes vorgesehen – fast doppelt so viel wie im Vorjahr, pro Tag rund zwanzig Millionen Mark. Um die kostspielige Fehlentwicklung auf dem Milchmarkt zu lindern, sollen 400 000 Tonnen Milchpulver zwangsweise dem Viehfutter beigemischt werden.