Von Gunhild Freese

Böige Winde von links, deutlich gesteigerte Werbefühligkeit“, registrierte Vilim Vasata, Chefwerber der Düsseldorfer Agentur Team. „Die Kritiker der Werbung“, so konkretisierte der Kreative seine Eindrücke, „beanstanden dreierlei: den verführerischen Charakter der Werbung generell; unwahre, irreführende Werbung und übertrieben suggestive Werbung“. Das war Ende 1973. Doch es kam noch schlimmer.

Aus den Beschimpfungen wurden tätliche Angriffe. Der Deutsche Gewerkschaftsbund beispielsweise wollte die Werbewirtschaft kräftig schröpfen und forderte eine Steuer auf Plakatanschlag, Lichtreklame, Anzeigen, Filmwerbung, Hörfunk- und Fernsehspots sowie auf Verkaufsförderung.

Da mochten auch die Sozialdemokraten nicht länger abseits stehen. Vorsorglich plädierten die Werbemuffel in ihren Reihen in einem Papier für den SPD-Parteitag im November vergangenen Jahres dafür, die Funk- und Fernsehanstalten sollten ganz auf Werbung und damit auf einen Großteil ihrer Einnahmen verzichten.

Die Verbraucherverbände haben ohnehin schon lange die Werbeindustrie zum Intimfeind erkoren. Ihr Angriff auf die ungeliebte Branche gipfelte letztes Frühjahr in einer von ihnen selber als „parteiisch“ bezeichneten Untersuchung von Anzeigen. Umstrittenes Ergebnis: Rund 65 Prozent der Anzeigenwerbung in der Bundesrepublik seien irreführend, machten übertriebene Versprechungen oder zweideutige Aussagen.

Der erhoffte Erfolg ihres Frontalangriffs blieb den Verbraucherfunktionären und SPD-Delegierten gleichwohl versagt – der Zeitpunkt war schlecht gewählt. Denn seit dem Herbst 1973 plagten die Bundesbürger und ihre Politiker andere Sorgen: die wirtschaftliche Talfahrt mit steigenden Preisen, wachsenden Arbeitslosenzahlen und sinkender Kauflust.

Die Rezession bekamen auch die Werbefirmen zu spüren. Staunend mußte die Branche zur Kenntnis nehmen, daß die Werbegelder der Industrie nicht mehr so üppig kamen wie gewohnt und daß die Verbraucher ihre Lockrufe zum Konsum ignorierten und ihr Geld lieber auf die Sparkasse trugen. Erstmals in der Nachkriegsgeschichte sahen sich die Kreativen mit Problemen wie Umsatzrückgang, Personalentlassungen und innerbetrieblichen Sparmaßnahmen konfrontiert.