Von Stephan Lazar

In den 50er Jahren gehörten sie zu den besten der Welt, heute hinken sie nur noch hinterher: die ungarischen Fußballspieler. Grosics, Bozsik, Kocsis, Hidegkuti, Puskas und Czibor bürgten früher für Qualität. Die Namen der heutigen Nationalmannschaft kennen nur noch Eingeweihte. Um die Misere des ungarischen Fußballsportes grundlegend auszumerzen, griff der Fachverband zu administrativen Maßnahmen und verpflichtete die Vereine, eine vorgeschriebene Zahl von Jugendmannschaften zu unterhalten.

Als die Klubs dieser Forderung nachkommen wollten, erlebten sie eine herbe Enttäuschung. Der Kreis der interessierten Jungen war weitaus kleiner als erwartet, so daß man sie regelrecht in die Vereine locken mußte. Die einst so populäre Sportart hat durch die Erfolglosigkeit der Spitze viel von ihrem Zauber auf der untersten Ebene verloren. Und als die angeworbenen Sprößlinge sogar mit der Zeit einer nach dem anderer wegblieben, weil ihre Begeisterung verebbte, entschloß sich der ungarische Fußballverband für eine neue Methode der Nachwuchsförderung, deren Grundgedanke so lautet: „20 bis 24 Trainingsstunden sind wöchentlich nötig, um eine sprunghafte Aufwärtsentwicklung zu erzielen.

Ein solches Arbeitspensum erfordert allerdings spezielle organisatorische Vorkehrungen, die jedoch nur mit Unterstützung der Schule zu verwirklichen sind.“

Auf Grund dieser Erkenntnis entstand in Budapest die erste „Fußball-Klasse“ des Landes. 80 Väter und Mütter stellten ihre Kinder vor, 30 Bewerber wurden akzeptiert und aufgenommen. Die 10jährigen Fußballtalente lernen nach dem normalen Lehrplan, lediglich ihre Stundeneinteilung unterscheidet sich von der ihrer Mitschüler. Montags, mittwochs und freitags beginnt für sie der Unterricht erst um 9.00 Uhr, denn zwischen 7.00 und 8.30 Uhr steht bereits das Training auf dem Programm. Dienstags, donnerstags und samstags beginnt der Tag jeweils mit einer Turnstunde.

Frühstück und Mittagessen werden in der Schule eingenommen. Nachmittags von 14.30 bis 16.30 Uhr wird wieder trainiert. Damit beläuft sich die Mehrbelastung für die Kinder auf etwa 20 Stunden pro Woche. Die planmäßige Zeiteinteilung, die straffe Organisation, die ständige Aufsicht, sowohl in schulischer als auch sportlicher Hinsicht, zahlten sich in kürzester Zeit aus. In den seltensten Fällen fehlt jemand, die geleistete Arbeit ist einfach zu überschauen, die Wirkung der Trainingsmethode leicht zu kontrollieren. Die individuelle Belastbarkeit des einzelnen zeichnet sich deutlich ab. Einen weiteren Vorteil beschreiben die Pädagogen mit den Worten: „Bei den Kindern hat sich ein konstanter Biorhythmus entwickelt, nämlich das optimale Verhältnis zwischen Belastungs- und Erholungsphase.“

Die ersten Ergebnisse des Experiments zeigen sich nach einem knappen halben Jahr besonders im konditionellen Bereich: Die meisten der 10jährigen sind in der Lage, in 12 Minuten etwa 2700 Meter zu laufen. Ob die spezifisch fußballerischen Fähigkeiten, die besonderen Bewegungsabläufe oder das technische Können einen ähnlichen Trend aufweisen, darüber ist man in Budapest noch nicht bereit, eine klare Diagnose zu stellen. Nur eines wird betont: die Anfänge sind vielversprechend. Erfreulich ist, daß die Direktorin der Schule – selbst keineswegs ein Fußball-Fan – ebenfalls positive Erfahrungen sammelte und feststellt: „Die Pädagogen unterrichten besonders gern in dieser Schulklasse, in der stets Disziplin herrscht. Das Lehrer-Kollegium hat sogar beschlossen, im nächsten Schuljahr eine weitere Klasse dieser Prägung zuzulassen.“