Zwei Männer von der Ruhr hätten gewiß für 1975 Anspruch auf den Titel „Manager des Jahres“: Dieter Spethmann und Egon Overbeck. Thyssen wie Mannesmann sind ohne Schäden durch die Stürme der Rezession gegangen, die anderen Unternehmen ihrer Branchen so hart zugesetzt haben. Es gab im Krisenjahr 1975 nicht viele Industriefirmen, die so gut abgeschnitten haben.

Das ganze Jahr über war in der westlichen Welt die Nachfrage nach Stahl gering, rutschten die Preise in den Keller. Doch Thyssen-Chef Spethmann ließ das weder die Arbeiter noch die Aktionäre spüren: Es gab keine Massenentlassungen und keine Dividendenkürzung. Overbeck von Mannesmann kann sogar ein neues Rekordergebnis präsentieren.

Es mindert die persönliche Leistung der beiden Firmenchefs nicht im geringsten, wenn man feststellt, daß die Größe ihrer Unternehmen mitentscheidend für das ausgezeichnete Ergebnis war. Im Gegenteil: Das Verdienst von Overbeck wie von Spethmann besteht nicht zuletzt darin, dazu beigetragen zu haben, daß Thyssen wie Mannesmann rechtzeitig in eine Größenordnung hineinwachsen konnten, bei der sie sich auf dem europäischen Markt behaupten können.

Erinnern Sie sich noch? Allenthalben – nicht etwa nur bei den Linken im Lande – wurde heftige Kritik laut, als seinerzeit Rheinstahl von Thyssen geschluckt wurde und sich Mannesmann die Demag angliederte. Vom „Wahn nach Größe“ war die Rede, von Gigantomanie – die „Hochzeit der Elefanten“ galt vielen als Mesalliance des Jahres. Mittlerweile ist wohl offenkundig, daß diese Fusionen nicht nur den betroffenen Unternehmen, sondern der gesamten Volkswirtschaft genutzt haben: Die trotz Rezession prosperierenden Unternehmen konnten Arbeitsplätze sichern und – auch dies ist wichtig – erhebliche Steuern zahlen.

Dieses Beispiel sollte eigentlich als Beweis dafür genügen, daß die jahrelange Hexenjagd auf die „Großen“ töricht war, daß die Fusionskontrolle im nationalen Rahmen unsinnig ist. Selbstverständlich muß verhindert werden, daß sich Monopole bilden, daß es nur einen oder auch zwei oder drei Anbieter von Automobilen, Stahl oder chemischen Erzeugnissen gibt – aber der relevante Markt ist längst nicht mehr die Bundesrepublik, sondern zumindest die Europäische Gemeinschaft (in manchen Branchen, etwa bei Atomkraftwerkbauern, die ganze westliche Welt). Größe an sich aber darf keine Sünde sein...

Wie wenig ernst die Regierung die von ihr selbst geschaffenen Gesetze nimmt, hat sich am Beispiel Veba gezeigt. Als der vom Bund beherrschte Energiekonzern sich Gelsenberg eingliedern wollte, erhielt er flugs von Bonn eine Ausnahmegenehmigung – obwohl dadurch Deutschlands umsatzstärkstes Industrieunternehmen entstand.

Ein Plädoyer für Große wird leicht als Mißachtung der mittleren und kleinen Unternehmen interpretiert. Das ist natürlich blanker Unfug. Im Markt für Computer, um ein Beispiel zu geben, ist in der Bundesrepublik nur der Siemens-Konzern so finanzkräftig und forschungsstark, daß er frontal gegen IBM antreten kann. Das heißt aber doch nicht, etwa Nixdorf oder kleineren Firmen, die sich in Teilbereichen tummeln, die Existenzberechtigung abzusprechen. Wichtig ist nur, daß der Markt und nicht Bürokraten über die Größe von Unternehmen bestimmen. Die Rezession hat schließlich klar erwiesen: für die Volkswirtschaft können auch Elefanten nützlich sein. Diether Stolze