Von Gabriele von Arnim

New York, im März

Germaine Greer ("Der weibliche Eunuch") war schon am Anfang des Frauenjahres vom miesen Ende überzeugt. Das Jahr der Frau sei nichts anderes als ein langer Muttertag.

Im Rückblick sind sich amerikanische Frauen uneinig in ihrer Einschätzung, was das Frauenjahr ihnen gebracht hat. Die einen meinen, es habe das feministische Bewußtsein entwickelt und werde die Realität ändern. Andere bespötteln das Ergebnis als eine Ausdehnung des "Madison Avenue Feminismus": Es ist eben in, emanzipiert zu sein.

Allein die Tatsache, daß die Vereinten Nationen 1975 zum Frauenjahr deklarierten, hat der Frauenfrage öffentliche Aufmerksamkeit garantiert. Um so ärgerlicher war es, daß etwa ein Drittel der Delegierten der UN-Konferenz in Mexiko Männer waren, und um so grotesker, daß die amerikanische Regierung einen Mann als Chef auf die Frauenkonferenz delegierte.

Das Jahr der Frau wird in der amerikanischen Frauenbewegung keine Geschichte machen, es symbolisiert nicht die große Wende. Betty Friedans "Weiblichkeitswahn" von 1963 war revolutionär, das Jahr der Frau 1975 war es nicht.

Auch ohne das würden wohl heute 104 weibliche Bürgermeister amerikanische Kommunen regieren, würden mehr Frauen denn je bei den diesjährigen Kongreßwahlen kandidieren; würden weibliche Manager in den Direktorensuiten von so großen Firmen wie Gulf Oil, Exxon oder IBM sitzen, wären Frauen Lastwagenfahrer, Bauarbeiter und Ingenieure. Nicht aus Anlaß des Frauenjahres gelang es der ersten Frau, den Mount Everest zu besteigen, dirigierte Sarah Caldwell als erste Frau in der Metropolitan Oper und gewann Ella Grasso als erste Frau eine Gouverneurswahl, ohne daß sie ihrem Mann in diesem Amt folgte.