Von Rudolf Braunburg

Die Augen der Bestie glühten tückisch aus dem Halbdunkel. Die Männer am Lagerfeuer schauderten. Einer von ihnen schleuderte einen brennenden Holzscheit gegen das Untier. Er konnte gerade noch seinen vorgeschnellten Arm in Sicherheit bringen. Dann klappten die Kiefern des Räubers zusammen.

So oder ähnlich geistert ein Tier durch die abendländische Literatur und das menschliche Unterbewußtsein, das sich der unmittelbaren Erlebnissphäre längst entzogen hat: Canis lupus, der Wolf. Raubtier aus der Familie der Hunde, bis 1,6 m lang, bis zu 0,85 m hoch, eine der möglichen Stammformen des Hundes, nördliche Erdhälfte, lebt in großen Wäldern und Ödländern, vorwiegend Dämmerungs- und Nachttier. So nachzulesen in allen Konversationslexika.

Nicht ohne weiteres nachzulesen ist die Tatsache, daß kein anderes Tier so nachhaltig verteufelt worden ist wie der Wolf. Jack London hält die Wölfe für „Haifische auf dem Lande“. Die Tierfabeln sind voll von den bösen Streichen und der Unersättlichkeit des Meister Isegrim; und schon Matthäus warnte vor den falschen Propheten in Schafskleidern, die inwendig reißende Wölfe seien. Selbst die Russen, die es eigentlich besser wissen könnten, haben das Sprichwort vom Wolf, der immer bereit ist, sich als Schäfer zu verdingen. Und von Tolstoi bis Pasternak spukt der Klischeewolf durch die Weltliteratur, der sich zuerst im Rudel auf die erschöpften Schlittenpferde, dann auch auf die Insassen stürzt.

Nun wäre der Wolf kaum aus dem Unterbewußtsein aufgetaucht, hätte er nicht in diesem schneereichen Winter von sich reden gemacht; er ist in Westdeutschland längst ausgerottet. Schon Chroniken des 15. Jahrhunderts siedelten den Wolf als Standwild höchstens noch in der Lüneburger Heide an.

Aber am 29. Januar brachen aus dem Freigehege des Nationalparks Bayerischer Wald acht Wölfe aus. Eine Schneefräse zerriß den Gehegezaun, und die Tiere verschwanden in der unwegsamen Wildnis des 13 000 Hektar großen Parks. Einen besseren Public-Relations-Dienst hätte die renommierteste Werbeagentur den Tieren nicht erweisen können. Plötzlich waren die Entflohenen in den Schlagzeilen: „Wölfe vor den Toren Münchens“, hieß es in einer Zeitung. Eine regelrechte Wolfspsychose war ausgebrochen: Beim Nationalparkamt waren derart zahlreiche Meldungen über die Sichtung der Ausbrecher eingegangen, daß man auf mindestens dreißig Wölfe schließen mußte, die im Freistaat ihr Unwesen trieben.

Auch den einzigen Luchs getötet