Die Internationale Tourismus-Börse in Berlin, auf der in diesem Jahr 440 Aussteller aus 68 Ländern mit zum Teil beträchtlichem Aufwand um den deutschen Urlauber warben, ist zu Ende, doch das Rätselraten um die Reiseabsichten der Deutschen fängt jetzt erst richtig an. Angeheizt wurde die Diskussion, wie alle Jahre, durch erste Ergebnisse der vom Studienkreis für Tourismus erstellten Reiseanalyse. Danach ist die Reisewilligkeit zu Beginn des Jahres so groß wie im letzten Jahr: 43,9 Prozent der über 14jährigen wollen auch 1976 verreisen – ein erstaunliches Ergebnis, wenn man bedenkt, daß die Reiseveranstalter bisher ein ungleich schwächeres Buchungsverhalten registrierten als im letzten Jahr. Während einige Veranstalter durchaus zufrieden sind, mußten andere sogar Platzkontingente an die Fluggesellschaften zurückgeben.

Vermutungen darüber, warum die Deutschen den Meinungsforschern erzählen, sie seien zum Reisen entschlossen, andererseits aber nur zögernd buchen, bleiben zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch reine Spekulation. Aber manches spricht für die Annahme, daß ein Zusammenhang zwischen dem tatsächlichen Reiseverhalten und dem neuen Auto-Boom besteht: Wer sich zu Beginn des Jahres ein neues Auto gekauft hat, wird die drei- bis viertausend Mark, die eine Familienflugreise in den Süden kostet, unter Umständen sparen wollen und lieber das eigene Vehikel benutzen.

Doch selbst wenn sich der Anteil der Veranstalter an der Zahl der insgesamt unternommenen Reisen weiter verringern sollte (um 2,3 Prozent von 1974 auf 1975): Solange die Zahl derjenigen, die im Jahr mindestens eine Reise von mehr als fünf Tagen machen, weiter steigt, werden auch die Pauschalreiseveranstalter reale Zuwächse verzeichnen können.

Zum erstenmal gab es in diesem Jahr eine zweite, konkurrierende Untersuchung zur Reiseanalyse. Während jene (abgedruckt in ZEIT Nr. 9 vom 20. Februar 1976) auf 2125 Interviews beruhte, stützt sich die Reiseanalyse auf 6000 Befragte. Um so erstaunlicher ist es, daß beide Untersuchungen in vielen Punkten um nicht mehr als die bei Meinungsbefragungen üblichen plus minus zwei Prozent voneinander abweichen, zumindest dort, wo es um konkrete Fragen nach Reisemitteln und Zielländern geht. Der Vorteil der Starnberger Reiseanalyse, die bereits zum sechstenmal vorgelegt wird, bleibt aber ihre Vergleichbarkeit.

Zum Beispiel zeigt sie, daß im vergangenen Jahr 3,7 Prozent mehr Bundesbürger als 1974, nämlich insgesamt 25,1 Millionen Personen über 14 Jahre, eine oder mehrere Urlaubsreisen gemacht haben. Der Anteil derjenigen, die keine Reise machen konnten oder wollten, sank von 47,5 auf 44,1 Prozent.

Ein interessantes Ergebnis für die heimische Fremdenverkehrswirtschaft: Der Anteil der Auslandsreisenden, der in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen war, sank erstmals um 2,2 Punkte auf 54,2 Prozent. Unter den Auslandszielen rangiert Österreich weiterhin unangefochten an der Spitze. Heftig umkämpft dagegen ist Platz zwei: Während Italien noch bis 1973 einen klaren Vorsprung vor Spanien hatte, betrug der Unterschied in den letzten beiden Jahren nur noch 0,3 Prozentpunkte.

Zu den interessantesten Ergebnissen der RA ’75 gehört, daß die Selbständigkeit des Touristen offenbar zunimmt: 72 Prozent der Reisenden haben im vergangenen Jahr ihre Reise ohne die Hilfe irgendeiner Organisation geplant, 1974 waren es nur 62 Prozent. Ist der Tourist, durch manche Erfahrung gewitzt, nun endlich mündig geworden?