An einem heißen August-Nachmittag des Jahres 1972 betreten drei bewaffnete junge Männer eine kleine Filiale der First Brooklyn Savings Bank in New York, packen ihre Waffen aus und fordern den Direktor auf, den Tresor zu öffnen. So scheinbar planvoll und „normal“ beginnt einer der ungewöhnlichsten Überfälle der jüngeren amerikanischen Kriminalgeschichte.

Von Anfang an geht alles schief. Schon nach wenigen Minuten verliert der jüngste der drei Räuber die Nerven und steigt rasch noch aus dem Unternehmen aus. Seine Komplizen können ihn mit Mühe daran hindern, das bereitstehende Fluchtauto zu benutzen. Kurz darauf entdecken Sal (John Cazale) und Sonny (Al Pacino), der bei aller Nervosität doch mit einer gewissen Umsicht zu Werke geht, daß sich nur 1100 Dollar im Tresor befinden. Und auch die Polizei läßt nicht lange auf sich warten: Zu Hunderten werden Beamte aus der ganzen Stadt herangeschafft, Polizeibusse treffen ein, Hubschrauber kreisen über dem Tatort. Auch die Medien lassen sich die unverhoffte Attraktion nicht entgehen, Fernsehteams und Zeitungsreporter eilen zuhauf, hinter den Absperrungen versammelt sich eine erwartungsfrohe Menge.

Mit dokumentarischer Genauigkeit inszeniert Sidney Lumet nach einem authentischen Fall die Exposition seines 18. Films. Die Bilder von der Belagerung der Bank gleichen in ihrer auf die Vermittlung quicker Sensationen angelegten Roheit jenen, die den Bürgern von New York täglich vom Fernsehen serviert werden: häßlich kolorierte Momentaufnahmen aus dem Alltag einer Stadt, in der nichts so alltäglich ist wie der Ausnahmezustand, das mit resignativem Zynismus akzeptierte Chaos.

Lumet freilich erzählt seine über zwei Stunden lange Chronik eines gewalttätigen Nachmittags nicht aus der hysterisch-voyeuristischen Perspektive der einschlägigen Medien, sondern wendet seine Aufmerksamkeit den Opfern zu. Und das sind nicht nur die sieben weiblichen und zwei männlichen Bankangestellten, die sich der Situation mit fast gelassenem Pragmatismus fügen, sondern auch die beiden Räuber, denen die Sache allmählich über den Kopf wächst. Unfreiwillig werden Sonny und Sal zu den zentralen Figuren eines monströsen Spektakels, das weniger mit ihnen zu tun hat als mit einer Demonstration polizeilicher Macht und dem Sensationszwang der Medien: Zwei zunehmend verstörte, verzweifelte, eher rührende Gelegenheitskriminelle finden sich unversehens in der Rolle von geiselnehmenden Supergangstern, denen mit einem Aufwand begegnet wird, als gelte es, King Kong noch einmal vom Empire State Building zu vertreiben.

Zwischen den in der Bank Eingeschlossenen entwickelt sich eine Art von Solidarität. Man findet sich zu einer Notgemeinschaft zusammen, und Sonny findet zunächst Geschmack an seinem Part als Volkstribun. Als er auf der Straße mit der Polizei verhandelt, jubelt die Menge ihm zu, feiert den „Underdog“ im Kampf gegen die überlegene Polizeistreitmacht. Sonny wirft Bündel mit Geldscheinen unters Volk. In Brooklyn wird ein improvisierter Jahrmarkt gefeiert.

Doch allmählich schlägt die heiter-hysterische Farce um in ein dumpfes Drama. Gegen Abend wird bekannt, daß Sonny homosexuell ist und mit der Beute des Überfalls seinem Freund eine Geschlechtsumwandlung finanzieren will. Die Menge ist enttäuscht, so hatte man sich den Helden des Tages nicht vorgestellt. Das Warten der Eingeschlossenen auf den Jet, der sie nach Algerien bringen soll, wird zu einer brütenden Tortur. Sonny verliert die Übersicht, und Sal erweist sich als einfältiger religiöser Fanatiker. Sonnys Freund gibt sich als feiger Schwächling zu erkennen, seine Frau (er ist auch verheiratet und Vater zweier Kinder) als chaotisches Gefühlsbündel, und zu allem Überfluß erscheint auch noch Sonnys Mutter in einem Zustand emotionaler Auflösung vor der Bank.

Eine solche mit dramatischen Höhepunkten überreich bestückte Geschichte hätte ein anderer Regisseur als Sidney Lumet leicht als schicksalsschwangeres Melodram inszenieren können, als atemlos effektvolle Räuber-und-Gendarm-Ballade. Doch der quasidokumentarische Duktus der Erzähl weise, die detailbesessene Präzision, mit der Lumet das realistische Ambiente der Figuren eben nicht plan ausschlachtet, sondern als Nährboden der allgegenwärtigen Hysterie und Gewalt sinnlich erfahrbar macht, hebt „Dog Day Afternoon“ wohltuend von den pseudoapokalyptischen Feuerwerksveranstaltungen Hollywoods ab. Hier feiern nicht Amerikas letzte Heroen ihren Untergang, hier brillieren nicht brutale Bullen mit lakonischen Zynismen; vielmehr zeigt Lumet geduldig ein höchst komplex geknüpftes Netz aus wechselseitigen Zwängen und Abhängigkeiten.