Glosse abzugewinnen. Er tat so, als wisse er nicht, weil Andersch mit den „Dissidenten“ meine, von denen er in seinem Gedicht gesprochen hatte: nämlich die vom öffentlichen Dienst ausgesperrten Radikalen. So konnte er den Passus zu Papier bringen: „Der neckische Andersch wird doch nicht etwa die bombenlegende Korona der Baader/Meinhof-Gang mit Sacharow, Kowaljow und Pljuschtsch vergleichen wollen? Soviel unverfrorene Geschmacklosigkeit trauen wir ihm einfach nicht zu. Bleibt demnach nur die Schlußfolgerung! daß der Dichter verschiedene Größen des westdeutschen Literaturbetriebs als ‚deutsche Dissidenten‘ bezeichnen möchte ... Namen wie Heinrich Böll, Günter Grass und, last not least, Alfred Andersch. Aber wie denn? Über diese Größen sollen die bundesdeutschen zeitungen‘ nicht einmal ein Zehntel soviel berichten wie über russische Dissidenten? Mein Gott, Alfred!“

Der andere aufmerksame Journalist war der Südwestfunk-Redakteur Jürgen Lodemann, der seit vier Jahren im dritten südwestdeutschen Fernsehprogramm ein monatliches „Literaturmagazin“ redigiert und moderiert, eine Sendung, die wenige sehen, die aber viele kennen, seitdem eine Kritikerjury dort den Bestseller-Listen mit einer Besten-Liste begegnet – einer Auswahl von zehn Titeln, denen die meisten Leser gewünscht werden. Lodemanns „Literaturmagazin“ hat einen Nachrichtenteil. Als Nachricht ließ Lodemann am 15. Januar von dem Schauspieler Jürgen Andreas Anderseits Gedicht vorlesen. Zur „Abnahme“ der Sendung – das heißt: zur Billigung durch einen Programmverantwortlichen – war der Redakteur Hans Gresmann während der Aufzeichnung im Studio erschienen. Kaum hatte er das Gedicht gehört, da nahm er den Text und ging damit zum Fernsehprogrammdirektor des SWF, Dieter Stolte. Der entschied: Das Gedicht muß weg. Aus dem „Literaturmagazin“, das zwei Tage später gesendet wurde, war „Artikel 3(3)“ herausoperiert.

Was wäre geschehen, wenn dieses Stück politischer Lyrik ausgestrahlt worden wäre, gar mit einem deutlicheren Moderationstext versehen, wie Lodemann ihn angeboten hatte? Wahrscheinlich: nichts. Jenes „Literaturmagazin“ hatte eine Zuschauerbeteiligung von 0 Prozent – das heißt, weniger als zehntausend Menschen in Südwestdeutschland hätten es gesehen; und das wären Leute gewesen, die vermutlich ein viel zu spezifisches Interesse an Literatur und an Lodemanns Art der Präsentation von Literatur haben, als daß sie vor dem Fernsehschirm entgeistert zusammengebrochen wären.

Die aufgeregten Debatten, die während der nächsten Wochen auf Baden-Badens nach außen hin so friedlichen Funkhügeln stattfanden, drehten sich vor allem um zwei Fragen: Wie war die Nachricht von Stoltes Eingriff nach draußen gelangt? (Sie war es jedenfalls nicht durch Lodemann und seine Kollegen; die ZEIT, die . als erste Zeitung von der Maßnahme berichtete, weiß wie.) Und: Darf eine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt einen so scharfen Text ohne weiteres verbreiten, einfach als Nachricht, ohne „Kontext“ (da gibt’s den bedeutenden Schriftsteller Alfred Andersch, der ist bestimmten Appellen an die Schriftsteller, sich nicht in die Idylle zurückzuziehen, „mit erstaunlicher Deutlichkeit“ nachgekommen, und hier ist sein Gedicht)?

In der Kontext-Frage reden die Betroffenen bis heute völlig aneinander vorbei. Lodemann meint, der Kontext sei durchaus dagewesen, und zwar ein literarischer Kontext: Im selben Magazin ging es verschiedentlich um politische Lyrik. Wenn die Programmverantwortlichen Kontext sagen, meinen sie jedoch etwas ganz anderes: nämlich irgendeinen relativierenden, distanzierenden Zusatz, eine Warnungstafel: Achtung, Explosionsgefahr! Oder eine Gegenmeinung gleichen Gewichts, auf daß sich am Ende die schöne Ausgewogenheit einstelle.

Der „Fall“ jedenfalls war erst mit Stoltes Anordnung entstanden. Über sie wurde jetzt mehr gestritten als über das Gedicht. Ein anderer Sender, der NDR in Hamburg, mutete es seinen Zuhörern im übrigen zu: Im „Journal 3“ wurde es verlesen, und Stoltes Eingriff wurde von Hanjo Kesting so kommentiert: „Der Rechtsstaat hat also wieder einmal bei seiner Selbstverteidigung ein Selbsttor geschossen ... So entsteht das Klima von Angst und Unsicherheit, in dem die Selbstzensur gedeiht. Und wo diese nicht funktioniert, da sorgen Vorzensoren dafür, daß die Bäume der freien Meinungsäußerung nicht in den Himmel wachsen.“

Dann wanderte der Fall in die „Frankfurter Allgemeine“. Sie druckte am 29. Januar Anderschs Gedicht und dazu einen Kommentar von Günther Rühle. Der Kern seines Arguments: „Die Geschichte der Wörter ist die Geschichte der Dinge, die sie benennen. Wörter wie Gestapo, KZ und Gas enthalten so viel Erinnerung an Inhumanität und Grausamkeit, daß sie nicht mehr zu jener Sprache gehören, mit der über neue Phänomene offen diskutiert werden kann ... Was veranlaßt (Andersch)..., selbst zu sprechen, wie einst der ,Stürmer‘ sprach?“