Von Georg Kleemann

Die großen alpinen Skirennen finden heutzutage wie die Vorstellungen von Wanderzirkussen mit der stets gleichen Mannschaft jedes Wochenende woanders statt. Doch sie sind nur deshalb alpin zu nennen, weil sie in den Alpen stattfinden. Das wirkt sich manchmal störend aus, denn um wieviel einfacher wäre es doch, die überall geometrisch errechneten Tore oder Gefällstrecken auf einem Kunsthügel mit Kunstschnee anzulegen – solch eine Skishow müßte dann nicht mehr wegen Schneemangel oder Schneesturm ausfallen.

Jahrelang und möglichst 365 Tage pro Jahr stehen die Matadore der Ski-Welt-Elite auf Ski. Ergebnis: selbst die Nummer 30 eines jeden Welt-Coup-Rennens läuft immer noch um mehrere Klassen besser Ski als alle übrigen hervorragenden Skiläufer im Alpenrund, die auch noch etwas anderes zu tun haben. Da kommen selbst Skilehrer nicht mit, deren Können sowieso von der schneefernen Laienwelt meist maßlos überschätzt wird. Andererseits gibt es aber Jahr um Jahr immer mehr ganz ausgezeichnete Skiläufer, selbst Hamburger sind schon angenehm aufgefallen im Gebirge, und Österreichs Alpental-Kinder lernen sowieso das Gehen und das Skifahren mindestens zur selben Zeit.

Dennoch – für Unzählige bleibt das Skifahren nebst dem Bergsteigen nur die wichtigste Nebensache, doch niemals die Hauptsache im Leben. Doch wie bekommt man bei solcher Selbstbeschränkung heraus, wer im Kreise der Spezi der Beste, der Schnellste, der Wagemutigste ist? Und daß dies eine existentielle Frage ist für die Jungmännerhorde, haben wir schließlich schon vor der Humanethologie und Ethnologie gewußt; jeder hausbackene Hiesl, uns eingeschlossen, will wissen, woran er ist unter seinen Altersgenossen, und es ist anzunehmen, daß die Alpen vor allem auf der Suche nach einer Prüfstrecke für diese soziale Kernfrage erschlossen worden sind. Jedenfalls gibt es in überraschend vielen Alpentälern den alten Brauch der Gipfelläufe, bei denen die besten Skiläufer ringsum an einem Sonntag untereinander ausmachen, wer als erster vom Dorf weg auf den Hausberg des Ortes und zurück laufen, rennen, steigen, klettern und abfahren kann.

Und o Wunder: Einige dieser sehr lokalen, sehr ursprünglichen, sehr privaten Skifeste abseits der Pisten haben sich sogar gehalten. Da gibt’s zum Beispiel den Kasberg-Lauf von Grünau im Almtal bei Gmunden im Salzkammergut. Dort zogen die Burschen schon zur Holz-Ski-Zeit von der Grünauer Kirche auf 530 Meter Höhe los auf den fernen Kasberg-Gipfel in 1747 Meter Höhe, und wenn der Sonntag um war, trafen sie sich wieder bei der Kirche: Der Lauf war eine Tagestour.

Heute lassen sich die Enkel auf 1500 Meter hinaufschaukeln und starten erst dort, denn Grünau ist inzwischen ein Wintersport-Örtlein geworden. Lifte klappern in der Höhe für ein Skivolk, das wahrhaft alpin ist: Hier rutscht bestenfalls ein Viertel der Läufer auf den sanften Hängen herum, dafür wuselt’s an den Steilstrecken, und seien sie noch so vereist – für die Einheimischen fängt das Skifahren gerade dort an, wo es für den normalen Winterurlauber aufhört.

Klaps am Start