Brechto-, Philo- und Ideologen können sich die Lippen lecken: Mit Hilfe von elf im Programmheft bedankten Hebammen aus Universitäts- und Archivarskreisen kann die Dramaturgie der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer die Geburt eines Dramas aus dem Geiste der Buchstaben- und Komma-Wissenschaft verkünden: „Der Untergang des Egoisten Fatzer.“

So wird möglich, was wie ein Wunder klingt: die Uraufführung eines Brechtschen Dramas zwanzig Jahre nach dem Tode des Stückeschreibers. Was in Frank-Patrick Steckels Inszenierung (mit sicherem Gefühl für rhythmische Gliederung und mit immer wieder ansprechenden schauspielerischen Leistungen) zu sehen ist, bleibt ein Archiv-Festspiel.

Im Herbst 1928 schreibt Brecht an Helene Weigel: „Ein harter Bissen, ich baue immer noch am Rahmen herum.“ Die Rede ist von einem Stück, das ihm nie gelingen wollte. Als „Fatzer“-Fragment geistert es durch die Bücher über den Stückeschreiber, seit Brecht 1930 drei Szenen und ein Gedicht im ersten Heft der „Versuche“ veröffentlicht hat. Unter dem zugkräftigen, ein abgeschlossenes Drama vortäuschenden Titel „Der Untergang des Egoisten Fatzer“ erlebt das Stück jetzt mit Wolf Redl in der Titelrolle seine späte Uraufführung – und der hier mehr als Zuhörer geforderte Zuschauer kann mit Brecht seufzen: ein harter Bissen.

Politik und Autobiographie

Bange Ahnungen beschleichen den Zuschauer, wenn er auf Karl-Ernst Herrmanns fast ganz kahler, schwarzer Szene ein Tischchen mit grüner Leselampe erblickt. Auch ein Wecker tickt dort. Der muß aber nicht auch rasseln. So einschläfernd wird die pausenlose, zwei Stunden dauernde Aufführung schon deshalb nicht, weil der in der zwölften Szene geäußerte Satz: „Warum brüllst du so?“ auch in den anderen gefragt werden könnte. Die Lautstärke verrät Verkrampfung der Schauspieler und Unsicherheit gegenüber diesem Stück aus den Zettelkästen der Brecht-Philologie. In dem mit ungewöhnlicher Sorgfalt zusammengestellten Programmheft, das viel unbekanntes Material aus dem Brecht-Archiv in Ostberlin enthält und seine vier Mark für 75 Seiten im Großformat mehr als wert ist, heißt es einmal über die Texte, die Brecht zwei verschiedenen Figuren in den Mund gelegt hat: „Wir haben beide Reden verschnitten ...“

So ist die sprachliche Zubereitung des Stückes: Verschnitt aus dem „Fatzer“-Material, das Brecht in den Jahren 1927 bis 1930 auf mehr als 500 Blättern in immer neuen Kombinationen ausgebreitet hat, ehe er das Stück als „unmöglich“ verwarf.

Am Lesetisch nimmt der Schauspieler Gerd Wameling Platz, den das Programmheft vorstellt als „Leser des Fatzer-Fragments“ (da ist aus dem „Untergang“ wieder das „Fragment“ geworden). Doch ehe der Vorleser sich nur räuspern könnte, geht das „große“ Stück schon groß los. Mit ohrenbetäubendem Lärm fährt auf der von der letzten Schaubühnen-Inszenierung, Hölderlins „Empedokles“, übriggebliebenen, linken, kleineren Bühne ein fast bis zur Decke reichender Tank durch knietiefen Schlamm. Heraus steigen vier Soldaten, entkräftet, kriegsmüde. Einer, die Rolle des Anführers übernehmend, sagt: „dem? jetzt nehmt eure / schädel in die hände und paßt / auf, heute am mittwoch gehe ich / fatzer und ihr büsching, koch und kaumann von diesem krieg weg, / der uns nichts mehr angeht...“ Gleich darauf spielen die vier diese Szene, mit ein wenig anderen Worten aus einer anderen Fassung, noch einmal – ohne daß der Zuschauer Gewinn an Einsicht oder auch nur schauspielerischer Differenzierung hätte.