Von Herbert Rosendorfer

Das alte Heilige Reich zählte zur Zeit des Westfälischen Friedens 121 mehr oder minder selbständige Territorien unter weltlicher Herrschaft, 46 Territorien unter geistlicher Herrschaft und 56 Reichsstädte. Die Zahlen, namentlich der weltlichen Territorien, sind unscharf – je nach Definition. Der Deutsche Bund von 1815 zählte zu Beginn immerhin noch 39 Mitglieder, das Zweite Kaiserreich von 1871 hatte, einschließlich Elsaß-Lothringen, 26 Bundesstaaten, die Weimarer Republik 15.

Die Bundesrepublik hat 11 Bundesländer. Der Trend geht offensichtlich zum Zentralismus.

Wenn man sich die Mühe machte, fünf transparente Landkarten von Deutschland herzustellen: von 1648, von 1815, von 1871, von 1920 und von 1949, und legt sie aufeinander, schimmerte abgesehen von den Stadtstaaten Hamburg und Bremen als einzige größere Einheit das Kurbayern von 1648 bis auf die heutige Landkarte durch. In allen Wirren der dreihundert Jahre, in allen Erschütterungen, die das Puzzlespiel des Deutschen Reiches durcheinandergeworfen haben, sind die bayerischen Puzzlesteine wenigstens im Kern und ungefähr aneinander kleben geblieben.

Das muß man einmal bedenken und dann mildernd ins Gewicht fallen lassen, wenn man sich wieder einmal über den bayerischen Eigensinn beschwert. Grund dazu gibt es natürlich genug, sei es, daß sich der Freistaat Bayern als einziges Bundesland eine Zweite Kammer (den Senat) leistet, im Bundesrat dagegenstimmt, sei es, daß die Bayerische Staatsregierung Verfassungsklage gegen irgend etwas erheben oder daß die Bayern „Mainz wie es singt und lacht“ nicht lustig finden. Das provoziert dann Sprüche wie „in Bayern gehen die Uhren anders“.

Nun hat ein bayerischer Autor den fast offiziös anmutenden Versuch unternommen, den bayerischen Hang zur Eigenbrötelei zu erklären, zu bagatellisieren, darzustellen, daß Treue nach innen zum eigenen Herzen der Treue zum Bundesstaat nicht entgegenstehen muß:

Wilfried Scharnagl: „Zweimal Bayern. Kontraste eines ungewöhnlichen Landes“; Ehrenwirth-Verlag, München 1975; 263 S., 28,– DM.