Von Hayo Matthiesen

Das gibt es doch gar nicht: daß ein Abiturient mit lauter Einsen im Zeugnis keinen Studienplatz bekommt!

Natürlich gibt es das. Josef Sch. aus Köln beispielsweise hat es erlebt. Er hatte zunächst Starkstromelektriker gelernt und dann sein Abitur an einem Kolleg nachgemacht. Notendurchschnitt 1,5, also hervorragend; doch Sch. wurde noch besser. Er bekam nämlich einen Bonus von 0,5, da er den Zweiten Bildungsweg hinter sich hatte, und einen zweiten Bonus von 0,1 für den Länderausgleich. Mit der Traumnote 0,9 bewarb er sich also bei der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund für Jura. Der ZVS-Computer aber lehnte ihn ab.

Ein anderer Fall ist Michael B. aus Karlsruhe. Er brachte es im Abitur auf eine glatte 1,0 im Durchschnitt und war sicher, an einer der fünf von ihm gewünschten Hochschulen zum Medizinstudium zugelassen zu werden. Er ließ sich sogar, „um auf gar keinen Fall einen Fehler zu begehen und jedes Risiko auszuschließen“, wie er sagt, von einem Oberstudiendirektor beraten, der im Auftrag des Kultusministeriums Auskünfte zum ZVS-Verfahren erteilt. Doch weder die ausgezeichneten Zensuren noch die gutgemeinten Ratschläge halfen: Auch B. wurde vom Computer abgewiesen. „Wer soll dieses Verfahren verstehen?“ sagte er empört. „Haben die Verantwortlichen jedes Gefühl für Menschlichkeit und Vernunft verloren? Ist es nicht unverantwortlich, eine Maschine über Menschenschicksale entscheiden zu lassen?“

Solche Klagen sind Legion. Immer wieder stehen die Dortmunder ZVS und ihre Computer im Mittelpunkt heftiger Kritik. Der CSU-Abgeordnete Albert Probst, Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Bildung und Wissenschaft, sprach kürzlich von „schwerwiegenden Pannen“ und einem „Skandal, der zu Konsequenzen führen muß“. Der Ring Christlich-Demokratischer Studenten machte ein „Chaos“ und „skandalöse Vorgänge“ aus: „Es reicht langsam, was die Zentralstelle uns Studenten und Abiturienten zumutet.“ Von den Medien griff besonders die „Deutsche Zeitung“ die ZVS an: „Der Computer schludert“; „stattliche Reihe gravierender Mängel“; „mangelhafte Unterrichtung der Bewerber“; „institutioneller Nonsens“; „in Rekordzeit zur unpopulärsten Behörde in der Bundesrepublik avanciert.“

Jetzt ist die Empörung wieder besonders stark, denn gerade hat die ZVS die 76 500 Bewerber um einen Studienplatz zum Sommersemester benachrichtigt. Das Ergebnis ist, wie schon in den letzten Jahren, niederschmetternd: 52 100 erhielten einen Ablehnungsbescheid und können nicht studieren, was sie möchten; nur 24 400 wurden im Fach ihrer Wahl zugelassen. In den „harten“ Numerus-clausus-Fächern ist es besonders hoffnungslos; dort hat sich die Lage gegenüber früheren Semestern deutlich verschlechtert. In Zahnmedizin bewarben sich 4629 Studien berechtigte um 584 Plätze; eine Chance – nach der Leistungsliste – hat hier nur, wer 1975 sein Abitur mit der Durchschnittsnote 1,7 bestand oder – nach der Warteliste –, wer bereits seit sieben Jahren ausharrt und 1969 eine 3,5 im Abi-Durchschnitt schaffte.

Doch es gibt zum Sommersemester auch ein paar Lichtblicke. Denn in rund einem Dutzend Disziplinen werden mehr Plätze angeboten, als Bewerber mit dem ersten Studienwunsch dafür vorhanden sind. Ökonomie: 553 freie Stellen – 309 Studenten, die sich für dies Fach mit erster Präferenz entschieden; Volkswirtschaft 1776 zu 1021; Physik 769 zu 434; Geschichte 304 zu 199; Anglistik 181 zu 122. In diesen „weichen“ Studiengängen erhalten also die meisten einen Platz, die dies Fach an erster Stelle genannt haben. Das ist immerhin auch etwas, und mit Sicherheit werden an mehreren Hochschulen nicht alle freien Stellen besetzt werden, weil zu wenig Bewerber da sind.