Von Nina Grunenberg

München, im März

Es geschieht nicht oft, aber diesmal passierte es: Franz Josef Strauß waren die Zügel entglitten. Kurz bevor Ministerpräsident Alfons Goppel am Freitagmittag im Bundesrat in Bonn für Bayern "Ja" sagte, schwor Franz Josef Strauß in München den CSU-Landesvorstand noch einmal auf ein "Nein" zum Polenvertrag ein.

Doch die Demonstration seiner Prinzipienfestigkeit verwirrte nur – vor allem die 900 Delegierten des CSU-Parteitages, der am Nachmittag des selben Tages in München begann. Der Gewaltakt konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß ihm alle CDU-Ministerpräsidenten den Gehorsam verweigert hatten, am Ende sogar der sonst so willfähige Alfons Goppel – wer hätte das von ihm gedacht.

Zum "Ja" hatten sich die sechs Ministerpräsidenten von CDU und CSU alleine durchgerungen, ohne Franz Josef Strauß. Daß der Niedersachsen-Chef Ernst Albrecht, der Neue im Klub der Landesväter, bei dem Coup die Hauptrolle spielte, mußte den Bayern am meisten kränken. Ihm, der es als sein angestammtes Recht empfindet, die Freunde von der CDU-Schwesternpartei in peinliche Verlegenheit zu setzen, so oft sich ihm die Gelegenheit dazu bietet, lag die Rolle des Übertölpelten, in der er sich über Nacht wiederfand, ganz und gar nicht. Berichte vom Zustand seiner Erregung machten auf dem Parteitag die Runde. Doch er selber, von Willy Brandt einmal als "Kraftwerk ohne Sicherung" tituliert, setzte sich an diesem Tag keiner Gefahr mehr aus. Nach der Vorstandssitzung ging er nicht auf den Parteitag, sondern nach Hause – "zum Essen, Baden und Nachdenken", wie es hieß.

Für die Delegierten-Hundertschaften, die ursprünglich nur gekommen waren, um das vierte Grundsatzprogramm der CSU nach dem Kriege rasch zu verabschieden und sich anschließend ein freies Wochenende in München zu machen, war guter Rat teuer. Besonders der CSU-Parteinachwuchs, der im Ton von den alten Scharfmachern im Lager des Vertriebenensprechers Walter Becher manchmal kaum noch zu unterscheiden ist, verlangte eine Rechtfertigung – nicht von Franz Josef Strauß, sondern von Alfons Goppel.

Draußen im Lande habe er, trug der junge Münchner CSU-Stadtrat Peter Gauweiler dem Arbeitskreis "Außenpolitik" mit mühsam unterdrückter Empörung vor, den "von uns gewünschten Wählern" erklärt, warum die CSU den Vertrag ablehnen müsse. "Da gibt’s doch jedem von uns jetzt einen Tritt in den Hintern, daß das erst so verfluchte Polenabkommen jetzt angenommen ist." Solche aufmüpfigen Töne gelten in der CSU schon als unerhört, aber das Parteiestablishment zeigte diesmal Verständnis. Wendig bis zur Standortlosigkeit zu sein, ist schließlich eine Kunst, die gelernt sein will. Richard Stücklen, der Landesgruppenvorsitzende der CSU im Bundestag, legte ein beredtes Beispiel dafür ab.