Warschau, im März

Als am vergangenen Freitag die Polen-Verträge den Bundesrat passiert hatten, spendierte er sich und seinen Mitarbeitern zwei Flaschen Sekt; dann eilte er ins polnische Außenministerium. Die Art, in der Bonns Botschafter in Warschau, der 61jährige Hans Hellmuth Ruete, den wohl größten Triumph seiner beruflichen Laufbahn beging, entsprach dem Naturell dieses Mannes: still und bescheiden.

Dabei hätte er allen Grund gehabt, ein rauschendes Fest zu geben: Denn diese Verträge sind – weit mehr als es in der Öffentlichkeit bekannt wurde – auch Ruetes Verdienst, der Erfolg seiner politischen Konzeption. Von Anfang an war er davon ausgegangen, daß es ohne Anerkennung der moralischen Komponente und konkreter materieller Konsequenzen durch Bonn keine dauerhafte Entspannung im deutsch-polnischen Verhältnis geben könne. Ruetes Idee war es, auf dem Umweg über die Rentenpauschale die politisch wie juristisch in Bonn nicht durchsetzbaren Entschädigungswünsche der Polen aufzufangen. Daß die Bundesrepublik dabei gut wegkommen würde, hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand geahnt: Die Experten rechneten erst später.

Nach Warschau war Ruete nicht gerade voller Begeisterung gegangen. Seine Frau und seine Vorgesetzten haben ihm erst "gut zureden" müssen. Denn der in Petersburg geborene Jurist war, als er den Ruf an die Weichsel erhielt, gerade dabei, sich auf einem diplomatischen Traumposten der westlichen Welt heimisch zu fühlen – als Chef der deutschen Vertretung in Paris. Und der Umzug von dem Pariser Nobelpalais in die Warschauer Miniresidenz, wo er mit Ach und Krach beim Abendessen zwölf Leute unterbringen kann, glich durchaus einem Gang in die Kälte. Denn als Ruete im November 1972 ankam, war der erste Lack von den deutsch-polnischen Beziehungen längst abgeblättert und diplomatische Knochenarbeit dringender erwünscht denn je.

Ruete vor allem ist es zu verdanken, daß der Faden zwischen Bonn und Warschau während der Jahre 1973 bis 1975 nicht abriß. Ruete selber zog auf goodwill-tour durch die Bundesrepublik und warb bei Politikern und Wirtschaftlern um Verständnis für die Sache. So nimmt es nicht wunder, daß der Bonner Botschafter für viele Polen als ein Repräsentant des anderen Deutschland gilt, als ein Diplomat, der zuhören kann und ein Gefühl hat für die im Umgang mit diesen leidgeprüften Menschen so wichtigen Zwischentöne. Seine Botschaft ist daher mehr als eine übliche Vertretung in einem fremden Land.

Private Kontakte hat Ruete – mit Ausnahme zu einigen polnischen Künstlern – dennoch nicht. Das bringt die Position eines westlichen Botschafters in einem sozialistischen Land so mit sich. Darum setzt er sich, wenn ihm Zeit bleibt, ans Klavier. Mit Vorliebe spielt er Bach, Brahms und – Chopin. Klaus Bednarz