Bonn, im März

Das Wörtchen „groß“, so heißt es in der polnischen Botschaft, sei eigentlich zu klein, um die Erleichterung über das Ja des Bundesrats zu beschreiben. Das gilt zumal für den Botschafter selber. Denn daß die Verträge doch noch über die letzte und höchste Hürde gekommen sind, das bedeutet für Waclaw Piatkowski die Krönung der Arbeit während vieler schwieriger Jahre, in denen er nicht nur als Warschaus Mann in Bonn sein diplomatisches Pensum erfüllt, sondern die Verträge auch zu seiner ganz persönlichen Sache gemacht hat.

Waclaw Piatkowski ist zur Stelle, seit es um die Normalisierung des deutsch-polnischen Verhältnisses geht. Bereits 1969 übernahm der promovierte Wirtschaftswissenschaftler, der das Deutsche fast wie seine Muttersprache beherrscht, die Leitung der Warschauer Handelsmission in der Bundesrepublik. Drei Jahre später wurde er der erste Botschafter seines Landes am Rhein. Schon damals brauchte er seine als fast unbegrenzt geschilderte Arbeitskraft und seine durch Waldläufe trainierte Kondition, um den 1970 geschlossenen ersten Vertrag in die Praxis des Alltags umzusetzen – von den Wirtschaftsbeziehungen bis zum Kulturaustausch. Seine ganze Energie aber war erst vonnöten, als das Aussiedlerproblem zur Kernfrage wurde und sich mit der Rentenregelung und dem Finanzkredit zu einem schier unlösbaren Knoten schürzte.

Warschaus Botschafter, dessen vergnügtes Temperament und augenzwinkernde Verschmitztheit über die Mühe seiner Tagesarbeit hinwegtäuschen, hat erheblich dazu beigetragen, daß der Knoten aufgeknüpft werden konnte. Er spielte eine große Rolle, als das Treffen zwischen Helmut Schmidt und Edward Gierek am Rande der Europäischen Sicherheitskonferenz in Helsinki vorbereitet wurde. Freilich, die eigentlichen Strapazen begannen erst, als das Ergebnis der langen Nacht von Helsinki, in der der Bundeskanzler und der polnische Parteichef zum Akkord fanden, am Nein der Bonner Opposition zu scheitern drohte. Seit Februar dieses Jahres dann ging Piatkowski, fast wie ein enger Mitarbeiter, im Amt Hans-Dietrich Genschers ein und aus, um die polnische Zusatzerklärung zum Vertragswerk abzusprechen. Allein die Zahl seiner Zusammenkünfte mit dem Außenminister seitdem reicht bis ins Dutzend.

Beim dramatischen Endspurt in der letzten Woche war Piatkowski so etwas wie eine zweite Stafette. Neben der Direktverbindung zwischen Genscher und seinem Kollegen Olszowski gab es eine zweite Schiene, die von Warschau über seinen Botschafter zum Außenamt, zum Kanzler, zu den Oppositionspolitikern Ernst Albrecht und Walther Leisler Kiep und wieder zurück führte. Selbst in den heikelsten Augenblicken vor der entscheidenden Wende behielt Piatkowski Ruhe und Geduld. Giereks persönliche Zustimmung zu der Endfassung des erläuternden Briefwechsels wurde von ihm übermittelt.

Über die Vergangenheit, aus deren Schatten die jetzt erzielte Einigung herausführen sollte, spricht der 56jährige, der in der Nähe Posens geboren ist, nicht gern. Statt dessen zieht er es vor, über die künftigen Aufgaben zu reden – darüber etwa, wie die Zusammenarbeit erweitert und untermauert werden muß. Dabei fällt oft das Wort „Europa“, und Piatkowski legt Wert darauf, daß darunter nicht nur Westeuropa verstanden wird. Ebenso oft spricht der Botschafter, dessen Sohn in Köln das Abitur machte und dort auch mit dem Studium begonnen hat, von der Notwendigkeit guter Nachbarschaft. Man spürt sein Engagement, das auch seine Verhandlungs- und Gesprächspartner aus den zurückliegenden Tagen und Nächten hervorheben.

Inzwischen geht es Piatkowski bereits um die nächsten Schritte. Stefan Olszowski kommt, und für den Frühsommer wird Edward Gierek in Bonn erwartet. Neue Vereinbarungen, die diesmal nicht Problemen aus der Vergangenheit, sondern der künftigen Kooperation gelten, sind in Aussicht genommen. Waclaw Piatkowski hat schon wieder alle Hände voll zu tun.

Carl-Christian Kaiser