Stockholm, im März

Selten dürfte das Wörtchen „endlich“ so strapaziert worden sein, wie in den letzten Tagen in Schweden. „Endlich“ hieß es in den Zeitungen, „lächelte der junge König.“ „Endlich“ seufzten die geplagten Hofbeamten, die bald vier Jahre lang das Versteckspiel der beiden nunmehr „endlich“ Frischverlobten mitmachten und die Gerüchte über die Romanze im Königshaus weder bestätigen noch dementierten durften.

„Endlich“ sagte auch die Schloßköchin, die seit Monaten gewissermaßen in Bereitschaft stand, um in kürzester Frist eine standesgemäße Verlobungssuppe anzurichten. „Endlich“ riefen die Klatschtanten, die nun in der Wochenpresse ordentlich auspacken können und endlich konnten die Royalisten aufatmen, die schon um das Sein oder Nichtsein der Monarchie bangten.

„Endlich“ soll auch Olof Palme, der Premier, gesagt haben, als er mit einem Rosenstrauß als erster Gratulant ins Schloß eilte. Vermutlich hocherfreut darüber, daß die fröhliche Aufregung über die Romanze im Königshaus die düsteren Gesprächsthemen von Inflation, Arbeitslosigkeit, Steuerdruck, mißglückten Staatsunternehmen in diesem Wahljahr wenigstens zeitweise auf die Innenseiten der Zeitungen verdrängen wird. Auch in der Brust eines überzeugten schwedischen Republikaners schlägt wohl ein königstreues Herz. Das sozialdemokratische Gewerkschaftsblatt orakelt sogar beinahe beschwörend auf einer Doppelseite unter der schicksalsschwangeren Überschrift „Silvia muß einen Sohn bekommen – sonst verschwindet die Monarchie“.

Die meisten sind sich darüber einig, daß die Bundesbürgerin Silvia Sommerlath aus Heidelberg eine gute Königin sein wird. Im Nu hat sie sich alle Herzen erobert. Fünf Minuten Fernsehinterview genügten für die überschwenglichen Adjektive in den schwedischen Zeitungen: „Silvia – schön wie eine Elfe, bezaubernd, humorvoll, intelligent, klug, schlagfertig, warm, offen, eine seriöse Berufsfrau, perfekte Schloß-Hostess, eine frische Brise in den königlichen Gemächern ...“

Von Massenhysterie und brausenden Ovationen merkte man gottlob nichts. Wohl haben die meisten Schweden nichts gegen die Monarchie einzuwenden, und sie freuen sich sogar, daß im Königsschloß auch mal wieder „etwas los ist“. Sie begrüßen es auch, was es noch an höfischem Prunk und königlichem Gepränge geben mag, Leibgarde, Hofkutsche, glitzernde Diademe und Orden, um als farbenprächtiger Einschlag den grauen Alltag gelegentlich etwas aufzuheitern.

Die schwedischen Politiker sind Pragmatiker. Der Monarch hat seine Rolle als regierendes Staatsoberhaupt längst ausgespielt, man hat die Verfassung entrümpelt, der nüchtern-sachlichen, modernen parlamentarischen Regierungsform angepaßt und die „Macht des Volkes“ konstitutionell verankert. Was aber noch übrig blieb an anwendbaren Werten der Monarchie, das nutzt man aus: „Ein Präsident kostet ja dasselbe.“ Darum nahm der Reichstag ohne Einwand (selbst die Kommunisten schwiegen) in der Vorwoche eine zehnprozentige Erhöhung der königlichen Apanage auf 5,9 Millionen Kronen an. Das geht auf das politische Public-Relations-Konto.