Hannover

Ein Politik-Professor kombinierte ahnungsvolle Theorie und theoretische Ahnung. Einen Abgeordneten will er damit nun in die Enge treiben. Als am 14. Januar der niedersächsische Landtagspräsident Heinz Müller kurz nach 13 Uhr bekanntgab, beim ersten Wahlgang des von SPD und FDP als Routineakt vorgesehenen Ministerpräsidentenwechsels habe es drei Enthaltungen gegeben, war das – eine Überraschung. Drei ihrer Abgeordneten hatten dem Kandidaten Helmut Kasimier das Votum verwehrt. Tags darauf wanderte beim zweiten, ebenfalls geheimen Wahlgang gar die Stimme eines vierten Dissidenten in den Hut des Oppositionskandidaten. Am 6. Februar schließlich wurde Ernst Albrecht mit einer Mehrheit, zu der zwei Stimmen zählten, die nicht von der CDU kamen, zum neuen Ministerpräsidenten gewählt.

Ernst-August Roloff, ordentlicher Professor für die Wissenschaft von der Politik, hatte dies alles vorhergesehen. Dem Göttinger Hellseher war in seinem zweiten Gesicht der Braunschweiger FDP-Abgeordnete Gustav Ernst erschienen. In einem Brief, in dessen Schlußformel Roloff sehr bedauert, dem Adressaten „die gebührende Hochachtung versagen zu müssen“, geht der Professor mit dem Mandatsträger hart ins Gericht. Er bezichtigt Gustav Ernst, nicht für den Kandidaten seiner Fraktion gestimmt zu haben. Die politische Entwicklung des Abgeordneten habe er aus braunschweigischer Heimatverbundenheit heraus seit vielen Jahren beobachtet. Die Erkenntnisse daraus hätten bei ihm „das sichere Gefühl, daß Sie zu den Abgeordneten gehören, die der CDU die Regierungsübernahme ermöglichen wollten“, entstehen lassen. Vorausschauend kündigt der Polit-Psychologe an, mit der Veröffentlichung des Briefes an Ernst warten zu wollen. Denn er rechne damit, „daß Sie mir durch einstweilige Verfügung und Klageandrohung untersagen werden, zu behaupten, daß Sie zu den Dissidenten gehören“. Eine Antwort aber erwarte er.

Ernst-August Roloff bekam beides, gebündelt. Gustav Ernst ging vors Gericht. Sein Rechtsanwalt beantragte eine einstweilige Verfügung gegen den Göttinger Professor und stellte Strafantrag wegen Beleidigung. Damit wehrte Ernst sich gegen die Unterstellung, er habe Albrecht gewählt. Diese für ihn ehrenrührige Behauptung dürfe Roloff nicht mehr aufstellen. Ferner wurde dem Briefschreiber untersagt zu verbreiten, Gustav Ernst habe sich der Stimme enthalten.

Die Sache mit Ernst war nicht in der professoralen Klause des Göttinger Wissenschaftlers entstanden. Auch die Blicke der Politiker und Parlamentsbeobachter hatten sich nach der Stimmenauszählung auf den Braunschweiger Abgeordneten gerichtet. Der 62jährige Angestellte galt nie als überzeugter Anhänger einer Koalition mit der SPD. Er betätigte sich zwischen Braunschweig und Northeim vielseitig in der Verbands- und Kommunalpolitik. Bei der FDP ist es kein Geheimnis, daß Gustav Ernst einem Aufnahmeantrag des Ernst-August Roloff in den Landesverband Niedersachsen mit Bedenken entgegentrat. Wahldetektiv Roloff hingegen sieht in dem Freidemokraten Ernst heute einen allzu freien Demokraten.

Obwohl viele Parlamentsgerüchte und Gedankenspiele beim Rätseln über die Albrecht-Wahlhelfer stets die Ernst-Stimme handelten, trat der Abgeordnete nur dem Professor massiv entgegen. Der hannoversche Anwalt Werner Holtfort legte für seinen Mandanten Roloff Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung ein. Er hält es für unverständlich, daß Ernst es als Beleidigung auffaßt, Albrecht gewählt zu haben: „Für die CDU-Abgeordneten ist das doch auch nicht ehrenrührig.“

Holtfort will Roloffs Kontrahenten zwingen, „mit zivilprozessualen Waffen zu kämpfen“, die dieser selbst herausgefordert habe. „Ich will eine eidesstattliche Erklärung von Gustav Ernst haben, wie er gewählt hat.“