Von Walter Jens

Und dann ist es nachher eine so hübsche Stunde, wenn ich bei schönem Wetter im Hofgarten sitze. Vor mir eine Schale Eis, hinten rauscht leise der Springbrunnen, es ist still, und der diensthabende Kellner wundert sich, daß ich: einen 6 Bogen langen Brief lese, mit Buchstaben, die aussehen, als wären sie von einem neugeborenen Kinde geschrieben, und dabei die erwachsensten Dinge erzählen." Sind das Worte von Loris? Hofmannsthal in einem Wiener Café? "Die erwachsensten Dinge" – das ist sein Stils "Der diensthabende Kellner" freilich und "das neugeborene Kind" – ein wenig zu realistisch für den Verfasser des Dramoletts "Gestern". Also doch nicht Hofmannsthal? Aber wer dann?

Lesen wir weiter. "Man geht in die Campagna hinaus und trinkt in einer Osteria einen Wein, der süß ist wie Malvasier; oder man setzt sich, ist man zu träge, vor ein Café am Corso, trinkt einen Vermouth mit Selters, raucht eine Zigarette, sieht den Menschen zu und ist imstande, sich für zehn Minuten einzureden, das Leben sei eine grundhübsche Sache." Geschrieben im Jahr 1897. Heinrich Mann vielleicht? Ein Literat aus den Kreisen der Münchner Bohème? Ein mokanter Herr aus gutem Haus, ein wenig liederlich, ein bißchen verbummelt? Kokett, jedenfalls, ist er, der Schreiber. An Witz fehlt es ihm nicht: "Am Magen und noch einem Gliede hängt nach Schiller die ganze moralische Welt." Das hätte auch Brecht sagen können. "Im Unterleib liegt doch eine ganze Menge Poesie, man muß ihn nur hübsch mit Gemüt und Stimmung umgeben." In der Tat, das könnte einem jener schnoddrigen Briefchen entstammen, in denen sich, zur "Baal"-Zeit, der junge Mann aus Augsburg über Fragen des Geschlechtsverkehrs erging.

Aber genug der Zitate: Welche Sätze immer man anführt – "Eau de Cologne, Friedrich Nietzsche, Unterhosen und andere eng zusammenhängende Dinge" oder: "In Deiner Brust sind Deines Schicksals Sterne, wie der Dichter so treffend bemerkt" – der freche Literat mit seiner zynisch-verwegenen Rede, dem provokanten Witz und der Ironie, die weder die ach so gebildete Bourgeoisie noch die Deutschtümler verschont, mitsamt ihrer holprigen Sprache, gibt sich nicht zu erkennen: ein mixtum compositum aus Brecht und Hofmannsthal, Fontane, Kerr und Maximilian Harden: "Lies tüchtig Reichstagsreden", schreibt er an einen Freund, "lege Dir recht heilige Überzeugungen zu, wirf Deinen guten Geschmack und Deine Skepsis in die Havel und schließ ans Vaterland, ans teure, Dich mit ganzem Herzen an, wie der Dichter so ungewöhnlich treffend singt."

Rundheraus gesagt: Auf wen immer man getippt hätte, bei der Lektüre solcher – hier mokanten, dort eher läppischen – Sätze, auf Thomas Mann wäre man nicht gekommen.

Eine Überraschung, in der Tat, diese (am Ende des Feier- und Weihejahres höchst erfrischend klingenden) Briefe des Münchner Studenten und Literatur-Adepten an einen Klassenkameraden aus Lübeck, dessen Leben Peter de Mendelssohn in seiner Einleitung erzählt –

Thomas Mann: "Briefe an Otto Grautoff 1894–1901 und Ida Boy-Ed 1902–1927", herausgegeben von Peter de Mendelssohn; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1975; 288 S., 36,–DM.