Marburg

In lauen Sommernächten singt und klingt es von „alter Burschenherrlichkeit“ aus den offenen Fenstern ehrwürdiger Verbindungshäuser. Aber bierseliges „Gaudeamus igitur“ ist nur die eine Seite von Marburg an der Lahn. Ansonsten ist von der Universitätsidylle vergangener Zeiten wenig übriggeblieben.

Marburg heute, das ist die „rote Hochburg“; und von der Universität wird von einer kommunistischen „Kaderschmiede“ gesprochen. Daß mit diesen Kennzeichnungen nicht nur Schlagworte in die Welt gesetzt wurden, beweisen Tatsachen. Im Marburger Stadtparlament sitzen mehr Abgeordnete der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) als Volksvertreter der Freien Demokraten. Ganz genau: aus den Kommunalwahlen im Herbst 1974 gingen die CDU mit 27, die SPD mit 24, die FDP mit 3 und die DKP mit 5 Mandaten hervor.

Mit diesem Resultat hatte der Wähler die Stadt so beinahe unregierbar gemacht. Zumindest nach den damaligen Spielregeln. Das heißt: ein sozial-liberales Bündnis entspräche zwar dem Wählerwillen, wurde auch vereinbart, nur – der SPD/FDP-Verbund brachte genausoviel Abgeordnete auf die Beine wie die CDU, nämlich 27 zu 27. Dazu freischwebend im Raum die fünf Kommunisten, mit denen keiner etwas zu tun haben wollte, und im Lande der Alfred-Dregger-CDU war es für politisch bewußte Sozial-liberale ein geradezu undenkbarer Gedanke, Hilfe bei der Christlich Demokratischen Union zu suchen.

Dafür plagten sich die Sozialdemokraten damit ab, der Versuchung in den eigenen Reihen zu widerstehen, kommunistische Unterstützung stillschweigend hinzunehmen. „Regieren mit wechselnden Mehrheiten“, nannte man das schamhaft. Aber die Befürworter einer solchen Praxis blieben auf der Strecke.

Nun, nachdem man sich über das Jahr 1975 hinweggewurstelt hatte, war einer Entscheidung nicht mehr auszuweichen, denn jetzt sind Fristen der hessischen Gemeindeordnung abgelaufen, jetzt müssen Oberbürgermeister, Bürgermeister und zwei Stadträte neu gewählt werden.

Mit der CDU oder mit der DKP – das war nun die Frage. Und das wurde zu einer schweren Belastungsprobe für den Marburger SPD-Verband. Schließlich ist in Hessen die SPD linker und die CDU rechter als der jeweilige Bundesdurchschnitt.