Beim Streit um die Polen-Abkommen wurde immer wieder daran erinnert, womit alles angefangen habe: an Hitlers leichtfertig vom Zaun gebrochenen Eroberungskrieg im September 1939. Und wiederum war zu vernehmen, halb als Vorwurf, halb als Alibi, daß der polnische Außenminister Oberst Beck durch seine starrköpfige Weigerung, über eine Rückkehr der Freien Stadt Danzig ins Deutsche Reich mit sich reden zu lassen, Hitler in die Hände gearbeitet, den Krieg also geradezu provoziert habe.

Nun hat der ehemalige Journalist Paul Borowski aus seinen Unterlagen eine historisch wichtige Information hervorgeholt, die den polnischen Diplomaten in einem anderen Licht erscheinen läßt. Als Berliner Redakteur der Kölnischen Zeitung besuchte Borowski am 1. Juli 1939 in Danzig den Hohen Kommissar des Völkerbundes, den Schweizer Professor Carl J. Burckhardt. Wie sich der Journalist erinnert, war Burckhardt gerade aus Berlin von einem Gespräch mit Reichsaußenminister von Ribbentrop zurückgekehrt, dem er ein Angebot des polnischen Außenministers vom 28. Juni unterbreitet habe.

In einem Brief („streng vertraulich, persönlich“) an den Chefredakteur in Köln vom 5. Juli 1939 heißt es dazu: „Er, Burckhardt, habe aber den Eindruck, daß Polen sich im Herzen mit der Rückkehr (Danzigs – D. Z.) abgefunden habe, jedoch könnte es sie nicht in diesen Wochen zugestehen. Ich glaube Burckhardts Worte richtig auszulegen, wenn ich sage, Polen habe ihn ersucht, in Berlin dahin vorstellig zu werden, der Führer möge in eine Verschiebung der Lösung der Danziger Frage einwilligen, etwa bis zum Frühjahr; dann könnte Polen eher mit sich reden lassen und eher den Anschein von ‚Verhandlungen‘ wahren, woran der polnischen Regierung angesichts der aufgepeitschten öffentlichen Meinung viel liege. Er, Burckhardt, habe daraufhin in Berlin mit Ribbentrop gesprochen, habe jedoch taube Ohren gefunden.“

In seinen Memoiren erwähnt Burckhardt lediglich ein ähnliches Angebot Becks vom 27. Mai: „Innerhalb der augenblicklichen Spannung sind Verhandlungen zwischen Berlin und Warschau nicht möglich. Zur Zeit handelt es sich darum, für eine Entspannung zu sorgen. Die polnische Regierung bleibt bereit, später Gespräche im Rahmen einer Gesamtregelung aufzunehmen.“

Der letzte polnische Botschafter in Berlin vor dem Krieg, Josef Lipski, hat bestätigt, daß Beck im Sommer 1939 auch noch durch andere Mittelspersonen friedfertige Vorschläge nach Berlin gelangen ließ. Aber Hitler wollte seinen Krieg haben.