Von Bernard Levin

Nach hundertjährigen Bemühungen hat Großbritannien endlich ein Nationaltheater – ein massives Bauwerk, das den Kulturkomplex am Südufer der Themse im Herzen Londons beherrscht; dort befinden sich auch die beiden wichtigsten Konzertsäle Londons und eine gewaltige (und sehr häßliche) Kunstgalerie. Als britisches Projekt ist es natürlich eins, bei dem Kompromisse nicht ausgeblieben sind: Obwohl das Theater drei Säle in verschiedenen Größen und verschiedenen Stilen hat, von denen jeder für eine bestimmte Art von Theaterspiel gedacht ist, wird nur einer von den dreien benutzt werden – die anderen beiden werden erst in Betrieb genommen, „wenn die Wirtschaftslage es erlaubt“.

Alle die alten Diskussionen über die britische Haltung zur Kunstsubventionierung leben wieder auf. Die Beträge, die der Staat insgesamt aufwendet, sind lächerlich, verglichen mit Deutschland und Frankreich (obwohl riesig im Vergleich zu den USA); trotzdem sind sie nicht nur nominell sehr viel höher als noch vor zehn Jahren. Die Inflation jedoch zehrt die Zuschüsse erbarmungslos auf, und unsere subventionierten Opernhäuser, Theaterensembles, Kunstgalerien und Sinfonieorchester finden es immer schwieriger, zu sparen, ohne dabei ihr hohes Niveau zu senken.

Neuerdings jedoch taucht immer häufiger ein neues Argument in der Diskussion auf; es ist eins, das nicht auf Großbritannien beschränkt ist und das meiner Meinung nach nicht einfach verschwinden wird. Es gab immer Leute, die meinten, es sei nicht die Sache des Staates, die Vergnügungen einer Minderheit zu subventionieren, und wer zum Beispiel die Oper wolle, solle dafür gefälligst auch den vollen Preis zahlen. Man hört die Meinung immer noch, aber sie hat heute weder Gewicht noch Einfluß. Jetzt jedoch ist sie von der Idee überholt worden, daß der Staat – ungeachtet der Summen, um die es geht – keinerlei künstlerische Formen und Bestrebungen unterstützen sollte, die für das Leben der Massen „irrelevant“ sind.

Mit anderen Worten: es handelt sich um ein politisches und nicht mehr um ein wirtschaftliches Argument, und wie die hartnäckige Opposition gegen die Subventionierung einer Minderheit von rechts kam, so kommt das neue Argument jetzt von links. Und darum glaube ich, daß das Thema nicht nur in Großbritannien zur Sprache gebracht wird und daß dieser Druck zunehmen dürfte.

Natürlich existiert das Phänomen nicht isoliert. Im Gegenteil, es hängt aufs engste mir vielen anderen Aspekten des allgemeinen Zugs hin zu egalitären Prinzipien zusammen. Einst kämpften die Anwälte der Armen und Ausgebeuteten für „Chancengleichheit“; jetzt hat es eine feine, aber bedeutsame Akzentverschiebung gegeben, und verlangt wird Gleichheit nicht nur der Chancen, sondern der Situation, des Einkommens, der Bildung, selbst der Einstellung. Ohne Übertreibung läßt sich sagen, daß viele (ob sie sich darüber im klaren sind oder nicht) heute nicht nur für Gleichheit, sondern für Gleichartigkeit eintreten: nicht für Egalität, sondern für Identität. Zu einem großen Teil ist diese Theorie natürlich von dem China Maos inspiriert – oder jedenfalls von der Vorstellung, die sich ihre Anhänger von dem China Maos machen; indirekt rührt sie zweifellos von etwas her, das tief in ihren eigenen Köpfen steckt und das Erich Frcmm (in einem anderen Zusammenhang allerdings) zutreffend „die Furcht vor der Freiheit“ genannt hat.

So denn verläuft der Gedankengang: Die bürgerliche Kultur ist erschöpft und verdient keine Unterstützung. Schlimmer noch: Sie steht der Entwicklung einer wahrhaft klassenlosen Gesellschaft aktiv im Weg, indem sie ihre falschen Vorstellungen von sozialer Harmonie und ökonomischer Selbstbereicherung allen jenen beibringt, die ihr Einfluß erreicht. Die schlimmste aller bürgerlichen Künste ist in dieser Hinsicht die Oper, weil sie dem „wirklichen Leben“ am fernsten steht. (In dem Ausmaß, in dem das zutrifft, ist dies genau das, weswegen wir Opernliebhaber die Oper mögen. Aber im Augenblick wäre das wohl ein unkluges Argument.)