Von Marietta Riederer

Paris, im März

Die Rue du Faubourg du Temple ist eine der Straßen, die von der Place de Republique sternförmig ausstrahlen. Sie liegt in einem Viertel, wo Paris am geschäftigsten ist: Nichts für Touristen. Doch zweimal im Jahre treffen sich bei Hausnummer 18–21 Modejournalisten aus aller Welt. Neulinge sind hilflos. Sie suchen zwar „Cacharel“, laufen an einer Toreinfahrt – die mit Lieferwagen und Motorrädern blockiert ist – erst mal vorbei, kommen zurück, schließen sich Kollegen an, bis sie zu einem Stau Wartender im Rückgebäude stoßen, die schubweise eingelassen werden.

Was früher eine Druckerei war, ist jetzt zu einer supermodernen Plexiglas- und Plastik-Landschaft geworden. Riesige farbige Würfel mit Plexiglas-Bullaugen und mit Kork gegen Lärm verkleidet, sind Büros junger Mitarbeiter, in die jeweils immer nur ein Besucher paßt. Der Schauraum, mit Kupferfolien verkleidet, ist den Laufsteg entlang mit weißen zylindrischen Plastikhockern besetzt, in verschiedenen Höhen. Wer hinten plaziert ist, sitzt wie auf einem Barhocker.

Was ist Cacharel? Eine Bluse, ein Rock, ein Herrenhemd? Ja, und zugleich ein Unternehmen, das zwischen den Jahren 1965 bis 1974 seinen Export von 9 Prozent auf 61 steigerte und dafür den französischen „Oskar für Export“ verliehen bekam. 32 Prozent des Exports gehen in die Bundesrepublik. Seit 1964 ist Cacharel eine Aktiengesellschaft. 1260 Personen sind in fünf eigenen Fabriken in Südfrankreich, in und um Nîmes, beschäftigt. Cacharel erzielt einen Jahresumsatz von 200 Millionen Francs.

Wer ist Cacharel? Monsieur Jean Bousquet, 44 Jahre alt, passionierter Jäger und Sportsmann, Vater von zwei Kindern, Provençale aus Nîmes, Generaldirektor der Gesellschaft und als „Jean Cacharel“ signierend. Als er 1958, ein Herrenschneider mit Diplom, nach Paris kam, bemerkte er, daß Frauen nach sportlichen Hemdblusen suchten und nur Langweiliges fanden. So begann er Hemdblusen in allen Farben herzustellen, aus Baumwoll-Krepon, aus geblümten Batisten, aus Seide. 600 000 „Cacharels“ ließen sich im Sommer 1968 verkaufen. Inzwischen sind Röcke, Hosen, Jacken und Kleider dazugekommen, Stricksachen, Kindermoden und für Herren Hosen, Hemden, Pullis und Krawatten.

Cacharels Motto ist: „Risiken wagen als Schlüssel zum Erfolg“. Dann, praktische Allerweltsmode in hohen Auflagen herstellen, ohne auf billigen Geschmack einzugehen – einen genau festgelegten Stil verfolgen und Stoffe wie Farben kreativ zu beeinflussen. Die Qualität wird durch strenge Kontrollen in den eigenen Fabriken garantiert. Die l’art-pour-l’art-Mode der Haute Couture bewundert Cacharel ebenso wie einen Rolls Royce, doch ist für ihn die Herstellung von Volkswagen bedeutend interessanter.