Von Heinz Josef Herbort

Das Zeitalter der dominierenden Bewegungsenergie geht immer rascher seinem Ende entgegen. Begonnen hatte es, als der Mensch entdeckte, daß er seine Muskelkraft mit Hilfe einer geschickten Anordnung von Hebeln von einem „Angriffspunkt“ zu einem „Wirkungspunkt“ übertragen konnte. Die Epoche war in ein fortgeschrittenes Stadium geraten, als der Mensch seine Muskelkraft durch einen Motor ersetzte und dessen Rotationsbewegung mit Hilfe von Transmissionen oder Getrieben sowohl übertrug als auch wieder in lineare Bewegung zurückführte. Inzwischen nun hat die Elektronik die Rolle von Hebeln wie Getrieben übernommen.

Ein Musterbeispiel einer solchen Energietransposition ist die Rechenmaschine. Als Kinder schoben wir mit den Händen bunte Kugeln je nach Rechenoperation von einer Seite einer Drahtstange auf die andere. Vor gar nicht so langer Zeit zogen wir an einer mechanischen Apparatur für eine Addition etwa ein Hebelsystem auf eine Rasterposition und kurbelten dann den Raster durch das Zählwerk. Eines Tages übernahm dann zwar der Elektromotor das Kurbeln, aber die Rotationsenergie war der zentrale Operateur. Bis die Taschenrechner vordrangen.

Heute bedienen wir die Tasten eines Mini-Computers und lesen das Ergebnis ab, wenn die letzte Ziffer eingegeben und der Operationsknopf gedrückt ist. Ein hochkompliziertes System von elektronischen Schaltern, die in Lichtgeschwindigkeit elektrische Impulse registrieren oder auf Zustände (plus oder minus, high oder low, ja oder nein) reagieren und diese „Informationen“ weitergeben, hat die Rotation des zentralen Motors ersetzt, statt einer die Anzahl der Umdrehungen anzeigenden Zählscheibe funktionieren ein elektronischer Zähler und eine Leuchtdiode oder ein digitales Instrument.

Ein ähnlicher Umsetzungsvorgang vollzieht sich in diesen Tagen auf dem Gebiet der Kommunikation. Jahrtausendelang hatten die Menschen, um für sich oder andere etwas aufzuschreiben, mit Hand, Feder, Pinsel oder Meißel etwas zu Papyros oder Stein bringen müssen. Vor 110 Jahren lieferte ihnen dann der Österreicher Mitterhofer die erste klapperige Schreibmaschine: Auf einen Fingerdruck hin drückt ein Typenhebel einen Buchstaben aufs Papier. Eines Tages übernahm ein ständig laufender Elektromotor die Transportarbeit. 1926 entwickelten die Firmen Lorenz und Siemens ein Verfahren, die von einer mechanischen Schreibmaschine erzeugten Zeichen in elektrische umzusetzen, sie über ein Kabel weiterzuleiten und bei einer Empfangsstation die Signale zu nutzen, um wieder die originalen Zeichen zu schreiben. 1928 genehmigte die Post das Verfahren: Der Fernschreiber war da. Auch hier sorgte ein zentraler Elektromotor mit Hilfe von hochkomplizierten Wellen, Mitnehmern, Gestängen, Kupplungen und Getrieben für einen reibungslosen, schnellen, gleichmäßigen Betrieb. Und für ein mächtiges Geräusch dazu.

Doch diese Zeiten gehören der Vergangenheit an. Auch hier hat die Elektronik jetzt die Mechanik ersetzt. Beide Fernschreiber-Produzenten, der Lorenz-Nachfolger SEL im Januar, Siemens in diesen Tagen, haben Geräte vorgestellt, die weit leiser arbeiten als eine normale Schreibmaschine. SEL beginnt jetzt die Auslieferung, Siemens baut erst ein neues Werk und wird Ende des Jahres soweit sein.

Operationsträger dieser Geräte sind Elektronengehirne, die mit Hilfe gedruckter Leiterplatten und hochintegrierter Schaltkreise die von einer Buchstaben- oderZeichentaste gelieferten Signale umsetzen in elektrische Werte, sie durch die Leitung an einen anderen Ort senden, wo sie empfangen, elektronisch aufbereitet und einem Drucker zugeführt werden, der die entsprechenden Zeichen schreibt. In diesen Schaltkreisen sitzen als zentrale „Denk“-Apparate Miniaturbausteine, die auf einer Fläche von 25 Quadratmillimetern 2000 und mehr Transistoren enthalten, bei denen also auf der Fläche eines Fingernagels das untergebracht ist, wozu die ersten Rechencomputer drei große raumfüllende Schränke benötigten.