Moskaus verunsicherte Ideologen lassen Stalins Kulturpapst wiederauferstehen

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im März

Die Leser der Prawda bekamen jüngst ein seit vielen Jahren nicht mehr veröffentlichtes Photo zu Gesicht. Es zeigte einen Mann mit Schnurrbart und kurzem Haarschnitt: Josef Stalins langjährige Nummer zwei, Andrej A. Schdanow. Dieser Mann galt als der "Kulturpapst" Stalins, genau genommen war er der Großinquisitor des sowjetischen Geisteslebens. In dieser Rolle half er, die Scheiterhaufen entzünden, auf denen Ost und West bald nach Kriegsende ihre Waffenbrüderschaft verbrannten. Schdanows Hexenjagd gegen die "Kosmopoliten" unter den sozialistischen Künstlern verband übersteigerten Sowjetpatriotismus mit Haßkampagnen gegen den Westen – ähnlich wie es später der amerikanische Hexenjäger McCarthy unter umgekehrten Vorzeichen versuchte.

Schdanow starb im August 1948 unter mysteriösen Umständen. Sein Name wurde von Chruschtschow verschwiegen und unter Breschnjew selten erwähnt. Mehrere Gedenkartikel und eine Feier zum achtzigsten Geburtstag Schdanows erwecken aber nun den Eindruck, als ob gewisse Kräfte den russisch-national gefärbten Stalinisten gerne zum Schirmherrn der neuen ideologischen Offensive machen möchten, die sich bereits auf dem 25. Parteitag abzeichnete.

Kein neuer Kalter Krieg

So erhebt die Prawda Schdanow in die "ruhmreiche Kohorte" der Bolschewisten-Leninisten, und die theoretische Parteizeitschrift Kommunist rühmt seine "Unversöhnlichkeit gegenüber bürgerlicher Ideologie". Doch die Beschwörung Schdanows bedeutet weder neue Hexenjagd noch neuen Kalten Krieg. Freilich ist sie ein Anzeichen dafür, daß die Ideologen im Parteiapparat einen erheblich härteren Kurs steuern möchten. Damit wollen sie drei alarmierende Entwicklungen aufhalten: