ARD und ZDF: Filme, Berichte und Kommentare in den Tagen vor der Abstimmung über die Polen-Verträge im Bundesrat

Am Sonntag und Montag wurden Bilder aus dem Warschauer Getto gezeigt. Ein einsamer Mann, der Jude Jakob, durchstreift die Straßen. Der Arzt Janusz Korczak gibt sein Leben hin, weil er die ihm anvertrauten Kinder nicht allein lassen mag. Leere Gassen. (In Wirklichkeit waren sie – wie einer, der dabei war, Marcel Reich-Ranicki, gezeigt hat – mit Menschen angefüllt, die, eng aneinandergepreßt, sich versichern wollten, daß sie noch lebten.) Juden im Versteck. Polen im Zeichen der Vernichtung.

Die vertrauten Bilder: In der Bundesrepublik wurde die Woche der Brüderlichkeit eingeläutet. Eine Woche, die in diesem Jahr aus zwei Tagen bestand. Schon am Dienstag war alles vergessen: Da wurde über Polen geredet, als hätte es niemals eine Invasion deutscher Truppen und niemals ein Getto gegeben. Da kamen Männer ins Bild, die ihre Forderung stellten: „Wenn die Polen nicht endlich verbindlich erklären, dann sagen wir nein.“ Da wurde vor der Sitzung hü gesagt und nach der Sitzung hott.

Da schlug der Mann, der sich immer stärker als Anwalt der nationalen Rechten geriert, Hans Filbinger, mit der Faust auf den Tisch. (Devise: Der Staat steht rechts. Niemand ist rechter als ich. Also sind der Staat und ich ein und dasselbe.) Da artikulierte Baden-Württembergs Ministerpräsident sein Veto in dem ihm eigenen Stil. Da ließen die Herren aus Rheinland-Pfalz und Niedersachsen die Vergangenheit Vergangenheit sein. Die Woche der Brüderlichkeit war, kaum daß sie am Sonntag begonnen hatte, am Montag schon wieder zu Ende.

Welche Chance wurde hier, von Seiten der Fernsehfunktionäre, vertan – welche Gelegenheit, eine Brücke zwischen gestern und heute zu schlagen und auf diese Weise zu zeigen, in welchem Ausmaß die Gegenwart, ob’s einem paßt oder nicht, geschichtsbestimmt ist. „Was sagen Sie, Herr Ministerpräsident“, hätte man am Sonntag und Montag fragen müssen, „was sagen Sie, der Sie damals ein Leutnant oder ein Richter, ein Nazi oder ein Widerstandskämpfer, ein Flakhelfer oder ein Schulkind waren ... Was sagen Sie zu diesen Bildern? Da, die Erschießungskommandos! Die Leichen der Überfallenen, ausgeplünderten, ermordeten Polen! Können Sie das vergessen?“

Und dann die zweite Hälfte der Woche! Wie, wenn da, mitten zwischen all den Interviews, den Statements und Reden (Kohl im Schatten von Strauß; Genscher am Hintereingang; Albrecht als deus ex machina) plötzlich ein Bild aufgeblitzt wäre: Warschau, 1943. Oder auch nur, von Klaus Bednarz kommentiert, eine Szene in einer polnischen Molkerei: Vor der Kamera fragen aus Deutschland stammende Menschen, ob es denn wahr sei, wirklich wahr, daß sie vielleicht nur deshalb nicht ausreisen könnten, weil drei niedersächsische Dunkelmänner sich plötzlich entschlossen, es einmal andersherum zu versuchen? Ob sie, um illusionärer Maximalforderungen willen, am Ende ausgerechnet von jenen preisgegeben würden, die doch so gern von „den Menschen“ und von „menschlichen Erleichterungen“ sprächen – was immer man darunter verstünde.

Am Sonntag und Montag, während der Andachtsstunden, ein Sprung in die Gegenwart; am Freitag, während der Bundesratsitzung (als das laute Zungen-Nein der CDU zum kleinen Lippen-Ja wurde: die Donnerstag-Entschiedenheit zum Freitag-Hauch) ein Sprung in die Vergangenheit: So hätte es sein müssen. Nur so wären diejenigen ins Blickfeld geraten, um die es geht. Die Opfer. Die Zeche-Zahler. Die Sonntags-Polen, die man am Dienstag schon vergessen hat. Die Ausreisewilligen, mit denen man, heute hü und morgen hott, Schindluder treibt.

Brüderlichkeit in Anführungszeichen. Politik ohne Moral. Momos