Von Karl-Heinz Wocker

London, im März

Eine Nation, die keinen Napoleon, keinen Hitler, nicht einmal einen Mussolini hervorgebracht und einschlägige Anwandlungen mit Oliver Cromwell vor mehr als dreihundert Jahren abgebüßt hat, denkt über den bloß pragmatischen Politiker anders als wir Deutsche, die wir gern Weitsicht, Grundsätze, Programmtreue und unbiegsames Rückgrat verlangen. Läßt man den Kriegs-, Glücks- und Sonderfall Churchill beiseite, so waren die Briten mit Männern wie Attlee, Macmillan, Heath und Wilson gut bedient. Daß freilich die Ära Wilson schon so rasch zur Vergangenheit zählen werde, hätte sich Anfang dieser Woche niemand träumen lassen.

Mit sichtlichem Stolz lancierte Harold Wilson den letzten Überraschungseffekt seiner buntscheckigen Laufbahn: die totale Geheimhaltung seines Rücktrittsplans. Sie hätte selbst einer Abwertung des französischen Franc alle Ehre gemacht. Wilson geht in einem Augenblick, da die europäischen Regierungschefs eigentlich die Reihen gegen die Spekulationsgnomen von Zürich und anderswo dichter schließen müßten. Ein Gipfeltreffen der Neun steht Anfang April bevor, und die Europäische Gemeinschaft sieht sich in der schwierigen Lage, ihre Zukunft mit drei zusätzlichen Belastungen überdenken zu müssen: dem Ausscheiden Frankreichs aus der Währungsschlange, der verheerenden Pfundschwäche und dem Verfall der italienischen Lira. Wie lange Wilson auch immer seinen Abgang vorausgeplant haben mag: dieses war der unglücklichste Zeitpunkt – sofern man von außen urteilt.

Harold Wilson war immer Erzinsulaner, mit der Einschränkung, daß er seiner europaunlustigen Partei durch den Trick eines Referendums die Zustimmung zur fortdauernden EG-Mitgliedschaft abzuluchsen wußte, ein Dompteurakt mit autogenem Training, denn zu den Bekehrten gehörte zuvörderst er selbst. Der Mann, der Politik im Zwei-Wochen-Rhythmus maß und insulare Nonchalance pflegte, hat immer den Vorwurf mangelnder Seriosität fürchten müssen. Dem kann er einen selbst für britische Kontinuität außergewöhnlichen Rekord entgegensetzen: 31 Jahre im Unterhaus, 13 Jahre Parteivorsitz, acht Jahre in Downing Street, vier gewonnene Wahlen. Damit ist man in Großbritannien in der Klasse der Gladstone und Pitt, Churchill und Disraeli, nur daß keiner der Genannten zu den Ahnen oder Mitgliedern der Labour Party gehörte.

– Der Pragmatiker Wilson hat nie versucht, aus der Labour Party eine sozialdemokratische Partei zu formen. In den Jahren, in denen mehrere linke Parteien Europas Abgrenzungsschwierigkeiten gegenüber den Kommunisten ihres Landes hatten oder vor die Frage einer Volksfront gestellt wurden, blieb Labour von solchen Anfechtungen frei. Noch heute gibt es zu ihrer Charakterisierung kein besseres Zitat, als es Lenin benutzt haben könnte: Man tut etwas für die Revolution, aber mit dieser Partei kommt sie nicht.

Freilich: Es geschah in Wilsons Ägide, daß das Pfund Sterling von elf auf fünf Mark stürzte. Und Tatsache ist ebenso, daß Großbritannien seine einstige Stärke heute nur noch auf Anguilla und vor Island demonstrieren kann. Aber auch dies darf nicht unterschätzt werden: Eine jährlich wachsende Millionenschar von Besuchern fühlt sich auf den britischen Inseln wohl, und das nicht nur des Wechselkurses wegen. Die Einbuße an äußerer Macht geht dort mit einem hohen Maß an innerer Freiheit ein Bündnis ein, das anderswo nicht mehr möglich erscheint. Mit dieser glücklichen Tradition nicht gebrochen zu haben, ist für den Führer einer Partei der Gleichheit ein Ausweis von Toleranz.